Deborah Benjamin Kaufmann

Das Ende der NATO

Der Iran-Krieg verschärft die Krise der NATO weiter. In ihrem aktuellen Zustand ist sie als ganzes zu hinterfragen.

Die NATO hat die Gelegenheit versäumt, sich mit der Aufnahme der Ukraine zu verstärken. Inzwischen hat sich umgekehrt, wer wem mit einem solchen Schritt einen Gefallen erweisen würde. Die ukrainischen Streitkräfte sind nicht nur eine der wenigen europäischen Armeen mit rezenter Kampferfahrung, sondern stehen auch international für Expertise und Innovation. Die Golfstaaten, die seit Wochen mit den gleichen Shahed-Drohnen angegriffen werden, die Russland seit Jahren gegen die Ukraine verwendet, profitieren nun von dieser Erfahrung.

Bis zum 28. Feber hat Europa und die Golfstaaten ihr taktisch-lavierender Zugang zu Sicherheitsfragen verbunden. Seither ist über letztere die Realität hereingebrochen. Sich nicht klar zu bekennen, rettet im Ernstfall nicht. Abzuwarten ob sich die Lage nicht vielleicht bessert, während sie sich rapide verschlechtert, ist ein Rat, den nur jene äußern können, die weder je echte Gefahr erlebt, noch in einem Geschichtsbuch gelesen haben.

Die Länder, die von der Islamischen Republik mit Drohnen und Raketen beschossen werden, werden sich merken, dass Israel auch gegen Abschusssysteme für Kurzstreckenraketen – die Israel nicht erreichen können – Angriffe geflogen hat, während Mittelstreckenraketen auf Israel geschossen wurden. Sie werden sich merken, dass die Ukraine, selbst unter Beschuss Russlands, hunderte Expertinnen entsandt hat, um ihr Wissen und ihre Technik in der Abwehr der Shahed-Drohnen zu teilen. Sie werden sich auch merken, wessen Beitrag sich auf strenge Worte und einen mahnenden Zeigefinger beschränkt hat.

Allen, die daran gezweifelt haben, ob die wahren Bruchlinien in Westasien zwischen Israel und allen anderen, oder nicht doch eher zwischen der Islamischen Republik und allen anderen verlaufen, haben jetzt ihre kinetische Antwort erhalten. Es bleibt zu befürchten, dass ein tief internalisierter Antisemitismus sie vor der Einsicht in diese materielle Gegebenheit bewahrt. Dabei könnten die Zweifelnden leicht Nachschau halten, ob sich unter jenen, die gegen Krieg und „Imperialismus“ und für die Islamische Republik auf die Straße gehen, tatsächlich Iranerinnen finden, oder ob die nicht eher vor israelischen Botschaften Blumen ablegen. Vielleicht aber ist es auch besser sie tun’s nicht und verschonen die iranische Diaspora mit ihrer Ansicht, dass es gerecht ist, folternde und mordende Faschisten zu verteidigen. Sie hätten es wohl auch in Europa getan.

Kriege schaffen Weltordnungen und die Weltordnung, die aus diesem Krieg hervorgeht, wird eine sein, in der Europa massiv geschwächt und die NATO obsolet geworden ist. Die Islamische Republik führt die NATO vor, wie zuvor Russland es wiederholt getan hat. Angriffe auf britische und französische Militärbasen und türkisches Territorium haben Pressekonferenzen zur Folge. Wen soll das beeindrucken? Wie gut, dass es zwei fähige Armeen gibt, die Europa als Nebeneffekt ihrer eigenen Interessen beschützen. Unterdessen sorgt man sich in Europa mehr um Benzinpreise als um die 40.000 Iranerinnen, die die Islamische Republik Anfang des Jahres niedergemetzelt hat. Auch das wird erinnert werden.

Donald Trump wettert lange schon gegen den geringen Beitrag der europäischen NATO-Länder zu ihrer eigenen Sicherheit. Grob schimpften die Europäerinnen den Groben dafür, aber vielleicht werden manche jetzt, da Raketen auf Zypern und die Türkei zielen, verstehen, was damit gemeint war. Lauter kann ein Weckruf eigentlich nicht sein. Die USA stehen nicht in der Schuld Europas, nur weil sie den Kontinent schon einmal vom Faschismus befreit haben. Europa ist weiter davon entfernt, sich selbst verteidigen zu können, als Deutschland von einer Ausstattung mit Sturmgewehren, die geradeaus schießen können.