Editorial
«Die Welt spinnt» hiess eine Kolumne der WoZ, die leider vor Jahren abgeschafft wurde. Dabei würde die weltweit geführte Debatte um einen amerikanischen Krieg gegen den Irak für die Kolumne so viel Stoff bieten wie noch nie. Egal welche Seite eingenommen wird, bei den meisten, die sich bemüssigt fühlen, ihren Senf zu Krieg und Frieden zu geben, scheinen Verstand und Vernunft gleichsam ausgeschaltet zu sein.
Auf der einen Seite haben wir diejenigen, denen zwischen Wahrheit und Propaganda noch nie ein Unterschied aufgefallen ist. Ihnen kann alles aufgetischt werden: Zuerst versandte der Irak Anthraxbriefe, dann hiess es, Saddam habe sich vor dem 11. September höchstpersönlich mit dem Attentäter Mohammed Atta getroffen, woraus gefolgert wurde, dass Bagdad das eigentliche Zentrum der Al Kaida sei. Dies sind nur einige der aufgestellten Behauptungen, die sich allesamt als falsch erwiesen. So schnell vage Vermutungen zu Wahrheiten erklärt werden, so reflexartig wird rasches Handeln gefordert. Hussein baut vielleicht, eventuell, möglicherweise die Atombombe, deshalb muss der Irak zerbombt werden. Ungehört bleiben Stimmen, die darauf hinweisen, dass sich alle angeblichen Beweise über die Produktion von Massenvernichtungswaffen auf Spekulationen beziehen. Ignoriert wird, dass Washington auch handfeste ökonomische Interessen an einem Krieg gegen den Irak hat. Nachdem mit dem Krieg in Afghanistan Zentralasien, die Erdölregion Nr. 2, unter weit gehende Kontrolle gebracht wurde, ist nun die Erdölregion Nr. 1 im Visier. Es gibt also gute Gründe, der Propaganda zu misstrauen.
Auf der anderen Seite sind die KriegsgegnerInnen. Da hofft man schon eher einen Funken Vernunft zu finden. Ein Blick auf Transparente und Flugblätter der grössten europäischen Antikriegsdemonstration in London belehrt einen leider eines besseren. Islamische Heilserwartungen gehen einher mit Bedrohungsängsten vor einer halluzinierten zionistisch-amerikanischen Verschwörung. Andere verwirrte Geister sehen sich von einem Konsumterror umgeben und fantasieren von einem dritten Weltkrieg. «No blood for oil» heisst nicht nur in London, sondern weltweit der moralische Imperativ von Friedensbewegten. Übersehen wird dabei, dass bis anhin das meiste Blut im Irak nicht wegen Öl, sondern wegen des Terrorregimes der Baath-Partei vergossen wurde. Es bleibt zudem unberücksichtigt, dass der Widerstand einiger europäischer Staaten gegen einen Sturz Husseins auch nicht aus einer plötzlichen Friedensliebe erwachsen ist. Das europäische Kapital freut sich über antiamerikanische Regimes im arabischen Raum, bei denen sich gut Geschäfte machen lassen. Nicht nur ökonomische Interessen, sondern auch ideologische Nähe kann dabei eine Rolle spielen: So machte beispielsweise Jörg Haider Freundschaftsbesuche bei Hussein. Von den Friedensbewegten hörte man damals keine Proteste.
In einem Punkt sind sich Kriegstreiber und antiamerikanische Friedensapostel gar nicht so unähnlich: Fakten interessieren sie nicht. Ihre Urteile sind Vorurteile, die reflexhaftes Handeln erfordern. Eine kritische, linke Meinung könnte nur eine dritte sein.
Redaktion Risse
Winter 2002 / 03
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