Petra Meier

Sacco und Vanzetti 1998?

Der Wiedergewählte Gouverneur des US-Bundesstaates Pennsylvania will den schwarzen Bürgerrechtsaktivisten und Revolutionär Mumia Abu-Jamal nun endgültig ermorden lassen. Während das Todesurteil gegen die am 27. August 1927 im Bundesstaat Massachusetts hingerichteten Anarchisten Sacco und Vanzetti erst 1977 — also 50 Jahre nach ihrer brutalen Ermodrung durch die US-Justiz — als Fehlurteil aufgehoben wurde, ist es für Mumia Abu-Jamal noch nicht zu spät. Trotzdem können nur noch massivste internationale Proteste — so wie 1995 — die Hinrichtung verhindern.

„Black Panther“

Mumia Abu-Jamal war als Journalist und Aktivist der Black Panther Party bereits vor seiner Verurteilung ein beliebtes Angriffsziel der US-RassistInnen.

Die Black Panther Party war Mitte der 60er Jahre von den beiden afroamerikansichen Revolutionären Huey P. Newton und Bobby Seale gegründet worden. Sie trat vor allem gegen die ständigen Polizeiübergriffe gegen AfroamerikanerInnen und deren soziale und politische Marginalisierung auf. Mit Sozialprogrammen, Schaffung eigener afroamerikanischer Communities und anderen Formen der Selbstorganisation versuchten die Black Panthers dem rassistischen Staat eine Gegenmacht von unten entgegenzustellen. Wenn auch Teile der Black Panthers — vor allem jene die aus der Nation of Islam kamen — immer wieder in schwarzen Rassismus als Gegengewicht zum herrschenden Weißen Rassismus abglitten, so waren die politischen Mehrheitsmeinungen innerhalb der Panthers immer klar linksrevolutionär. Die Partei verstand sich selbst als marxistisch-leninistisch.

Um den massiven militärischen Angriffen der Polizei und Armee — es wurden sogar Communities der Black Panthers aus der Luft bombardiert — etwas entgegensetzen zu können entwickelten die Panthers aus Formen militanter Selbstverteidigung. Die militärische Überlegenheit der USA und die Infiltration der Bewegung durch den Geheimdienst — der interne Briefe fälschte und so zu Verwirrung, Spaltung und Streit unter den Panthers sorgte — brachte die Bewegung in den Achzigerjahren fast völlig an den Rand des Abgundes. Erst die letzten Jahre konnten sich Panthers wieder teilweise durch größere Aktivitäten z.B. in New York auszeichnen.

Mumias angeblicher Mord

Der Journalist Mumia Abu-Jamal der u.a. über die Bombardierung der MOVE-Community, welche 6 Erwachsenen und 5 Kindern das Leben kostete berichtet hatte war den US-Sicherheitsbehörden so schon lange ein Dorn im Auge. Am 9.12.1981 ereignete sich dann ein Vorfall mit dem sich das Todesurteil für den bekannten Revolutionär konstruieren ließ. Nach einer angeblichen Verkehrsübertreteung wurde Mumias Bruder von einem weißen Polizisten brutalst zusammengeschlagen. Mumia der gerade zufällig vorbeikam eilte seinem Bruder zu Hilfe. Im Laufe der Auseinandersetzungen fielen Schüsse. Mumia blieb mit lebensgefährlichen Schußverletzungen am Straßenrand liegen, der Polizist war tot.

Mumia wurde mit der Ambulanz erst eine dreiviertel Stunde später eingeliefert, der bewachende Polizist versuchte Mumia bereits im Spital zu ermorden indem er Urin durch den Katheder in seinen Körper zurückzupressen versuchte.

Nachdem Mumia überlebte und die Polizei wegen Mißhandlung anzeigte wurde er wiederum wegen der Ermordung des Polizisten angeklagt.

Der Prozeß

Der Prozeß gegen ihn war von Anfang an durch und durch rassistisch geprägt. Mehrere Geschworene hatten enge Kontakte mit der Polizei oder waren mit PolizistInnen verwandt. Der Großteil der Geschworenen kam aus einer stark rassistisch geprägten weißen Mittelschicht. Der Richter Albert Sabo sorgte im letzten Augenblick für den Ausschluß einer afroamerikanischen Geschworenen und die Ersetzung durch einen Weißen. Sabo — der zuvor bereits mit 31 Todesurteilen mehr Menschen in den USA zum Tode verurteilt hatte als irgend ein anderer Richter was ihm den Beinahmen „Henker von Philadelphia“ einbrachte — verurteilte auch Mumia Abu-Jamal nach einem unfairen Prozeß zum Tode.

Der Gouverneur

Nach der Wahl des fanatischen Todesstrafe-Beführworters Tom Ridge zum Gouverneur von Pennsylvania wurde auch die geplante Hinrichtung Mumia Abu-Jamals akut. Nachdem seit 1962 in diesem Bundesstaat keine Hinrichtungen mehr stattgefunden hatten, wurde am 2. Mai 1995 der erste Gefangene wieder vom Staat ermordet. Der Großteil der TodeskandidatInnen sind auch hier Angehörige von Minderheiten die durch das „weiße Amerika“ diskriminiert werden: AfroamerikanerInnen, Indigene, Hispanics, ... Die Gründe dafür sind nicht nur im ökonomischen Desaster dieser Gruppen zu suchen, sondern auch in der Tatsache, daß einE AfroamerikanerIn oder einE Indigene viel leichter für dieselbe Tat zum Tode verurteilt wird als einE WeißeR.

Bereits einmal unterschrieb der Gouverneur 1995 den Hinrichtungsbefehl. Internationale Proteste konnten damals die Hinrichtung noch einmal verhindern. Seither hat Mumia zwei Bücher aus dem Todestrakt hinausgeschmuggelt, welche auch auf Deutsch erhältlich sind. Eine Wiederaufnahme des Verfahrens wurde jedoch abgelehnt.

Deshalb will Gouverneur Ridge nun — nach seiner Wiederwahl — erneut den Hinrichtungsbefehl unterschreiben. Unter Umständen steht eine Hinrichtung von Amerikas prominentestem politischen Gefangenen also unmittelbar bevor. Ob auch diesmal internationale Proteste die Ermordung Mumias verhindern können wird nicht zuletzt an uns und unseren Protesten liegen.