Thomas König

Rasse und Klasse

Nachforschungen zum deutschen Wesen

Polemik ist eine zwei­schneidige Angelegen­heit. Sie kann schnell ausu­fern und Selbstzweck wer­den, sich von Tatsachen ent­fernen und damit unglaub­würdig. Oder sie kann ängst­lich am Gegenstand orientiert bleiben, dann klingt sie fad und gegessen.

Götz Aly beherrscht die Polemik wie kaum ein and­rer im deutschsprachigen Raum. Und er weiß, wovon er spricht. Seine wissen­schaftlichen Studien zur Bevölkerungspolitik des Natio­nalsozialismus stellen höch­sten Standard dar. Greift er zum Stilmittel des Essays, so bildet sein profundes Wissen den Hintergrund, auf den ge­stützt Aly sich erfrischend über die herrschenden Kon­tinuitäten in Deutschland (vor allem) hermacht. Die Su­detendeutschen zum Beispiel. Oder die Vergangenheitspolitik, anschaulich gemacht an der Praxis des deutschen Justizwesens.

In gewissem Sinne macht es das Deutsche dem Pole­miker aber auch einfach. Sei­ne wissenschaftlichen Ergeb­nisse sind unumstößlich, und trotzdem wird im gesellschaftlichen Alltag der Poli­tik und der Journaille daran vorbeigedacht und drum her­um gelogen, dass er grade zu aufgefordert wird, sich dazu zu äußern. Dass die These, die auch den in dem vorlie­genden Buch gesammelten Artikeln und Vorträgen zu­grunde liegt, bis heute nicht ganz akzeptabel scheint, er­laubt es Aly jedenfalls, sie an verschiedensten Beispielen (von der Rabattgesetzgebung bis zur Euthanasie) und da­mit unter verschiedenen Blickwinkeln zu erläutern und — zu festigen.

„Nie zuvor hatte sich die junge Intelligenz vom Abitur an so ungehindert entfalten können. Kompromiss war die­ser Generation ein Fremd­wort (...). Widerspruchsgeist galt ihr als Kritikastern, Zwei­fel als Schwäche. Jeder Ex­pansionsschritt des Deutschen Reiches bedeutete individuel­len Aufstieg, Entfaltung der eigenen Wünsche und der so­zialen Utopie eines funktio­nierenden, von allen Störfak­toren freien Volksganzen.“ Das Trauma des deutschen Nachkriegskollektivs, sich aus der Verantwortung für ein Verbrechensregime stehlen zu wollen und zugleich den un­geheuren Errungenschaften des NS nachtrauern zu müs­sen, führte zu einem verzerr­ten Bild des Nationalsozialis­mus selbst, bis heute. Aly ze­lebriert es fast genüsslich, Per­sonen wie dem bekannten Journalisten Werner Höfer ih­re dunkle Vergangenheit zu präsentieren.

Bemerkenswert ist, dass Aly nicht mit der simplen Me­thode des erhobenen Zeigefingers agiert, sondern seine politische Theorie des NS ex­emplifiziert. „Nur wer den in­telligenten, von Männern wie Höfer repräsentierten Kern enträtselt, kann das Funktio­nieren und die mörderische Effizienz der NS-Herrschaft erklären.“ Modern war dieser Staat, und möglichst frei von bürokratischen Hindernissen, rassistisch und selektiv, doch nahm er die meisten Volksge­nossen auf und umschmei­chelte sie, und sie ließen es sich gefallen. Jene, die dem Verdikt des Ausschlusses ver­fielen — Kommunisten, Juden bald und Polen, sowjetische Kriegsgefangene — wurden in Hinblick auf die Fortsetzung der beispiellosen Erfolgsge­schichte dieses Staats umgebracht, beseitigt.

Im zentralen Aufsatz „Na­tionaler Sozialismus“ legt Aly seine politische Theorie des NS explizit dar. Der Vorgriff auf so viele heute vertraute, aber immer noch als neu und unproblematisch identifizier­te Herrschaftstechniken ver­blüfft. „Hitler war der erste Medienkanzler Deutsch­lands“. Und der „große Inte­grator“ Hitler schaffte auch einen Wohlfahrtsstaat, ehe dieses Wort existierte, auf Ba­sis eines umfassenden Klassenkompromisses. Die Verei­nigung der vielen Interessen schuf eine „Binnenspannung“, die „das hochbrisante und bald zerstörerische Ge­misch aus Realpolitik, Ideo­logie und national-sozialer Utopie“ erzeugte.

Das Ergebnis war eine Katastrophe unbekannten Ausmaßes. Dass es möglich war in einer Gesellschaft, die geführt wurde als „eine je­derzeit mehrheitsfähige Zustimmungsdiktatur“, war und ist zentraler Aspekt der deut­schen wie österreichischen Geschichte und wunder Punkt in der wehleidigen kol­lektiven Identität dieser bei­den Länder. Götz Alys Pole­mik ist zu danken, dass der wunde Punkt Thema bleibt.

Götz Aly: Rasse und Klasse. Nachforschungen zum deutschen Wesen. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 2003