Ljiljana Radonić

Psychoanalyse und Geschlechterverhältnis

Im folgenden geht es nicht darum, Freuds patriarchale Ansichten anzugreifen, obwohl seine Briefe und seine Krankengeschichten aus den 1890er Jahren ein kleiner Katalog von Vorurteilen gegen Frauen sind. Auf der anderen Seite setzte sich Freud für die Rechte der Frauen ein, als einige Analytiker 1910 die psychoanalytische Vereinigung für Frauen unzugänglich machen wollten und sah seine Patientinnen und später Analytikerkolleginnen als gleichberechtigt und ebenbürtig an. Freud hat weiters mit der Psychoanalyse einen Beruf geschaffen, in dem um 1930 international 30% der AnalytikerInnen Frauen waren, während sie in der Medizin 4-7% und in der Rechtswissenschaft 1-5% ausmachten. Auch stammten viele wichtige theoretische Schriften von Frauen wie Jean Lampl-de Groot, Helene Deutsch, Ruth Mack Brunswick oder Lou Andreas-Salomé.

Bilder aus: Wex, Marianne (1979): „Let’s Take Back Our Space“. Frauenliteraturverlag Hermine Fees, Berlin.

All das geht jedoch am Kern der Fragestellung vorbei, denn es geht nicht um die Person Freuds. Abseits von dieser ließen sich jedoch einige Gründe dafür anführen, Freud nicht einfach in Bausch und Bogen zu verdammen: Er erörterte als erster die weibliche Sexualität und erkannte sie als genauso ausgeprägt wie beim Mann, und dies zu einem Zeitpunkt, als die Wissenschaft Frauen noch für a- oder zumindest mindersexuell hielt. In Freuds Psychoanalyse erscheint die Mutter nicht in der konservativen Rolle der Ernährerin und Erzieherin, sondern als sexuelles Wesen, genauer als die Urform jeder späteren sexuellen Befriedigung. Durch die Erkenntnis, dass Hysterie nichts mit der Gebärmutter, sondern mit verdrängter Sexualität zu tun hat und auch bei Männern vorkommt, prangerte er offen die prüde und ungleiche Moral an, unter der Frauen zu leiden hatten.

Man findet in seinen Briefen und Werken eine Vielzahl frauenfeindlicher Aussagen, doch die zentrale Frage, die sich mir stellt, lautet: Inwieweit sind Freuds Vorurteile in seine Theorie der Psychoanalyse eingeflossen und verabsolutiert worden? Ist also erstens seine Theorie der Entwicklung weiblicher Kinder aufgrund seiner mitgebrachten Vorurteile falsch und wenn das der Fall ist, was heißt das zweitens für damit zusammenhängende Konzepte, wie die Entstehung des Über-Ichs aus dem Ödipuskomplex? Um es mit den Worten von Margarethe Mitscherlich zu sagen: „Wo stellen Freuds Vorstellungen von der Sexualität der Frau ein umfassendes tiefenpsychologisches Bild ihrer inneren Situation dar? An welchen anderen Stellen sind seine Theorien fragwürdig? Wo geben sie sich als überzeitliche Aussagen, obwohl sie doch nur Ausdruck einer durch zeitgebundene Vorurteile eingeschränkten Wahrnehmung sind?“

Freud über Sexualität und Weiblichkeit

Freud nahm ursprünglich an, die Entwicklung des Mädchens verlaufe genau spiegelbildlich, also einfach umgekehrt. Später erkannte er, dass die Entwicklung des Mädchens sich bereits vor der ödipalen Phase von der des Knaben unterschied, doch stand fest, dass von Geburt an die Sexualität von Knaben und Mädchen einige Jahre lang gleich verläuft, nämlich männlich.

Gleich zu Beginn ist es also notwendig zu erklären, was Freud unter den Begriffen männlich und weiblich verstand: „Wir sprechen davon, daß ein Mensch, ob Männchen oder Weibchen, sich in diesem Punkt männlich, in jenem weiblich benehme. Aber Sie werden bald einsehen, das ist bloß Gefügigkeit gegen die Anatomie und gegen die Konvention. ... wenn Sie männlich sagen, meinen Sie in der Regel ‚aktiv‘, und wenn Sie weiblich sagen, ‚passiv‘. ... Aber ich rate ihnen davon ab. Es erscheint mir unzweckmäßig und bringt keine neuen Erkenntnisse. Man könnte daran denken, die Weiblichkeit psychologisch durch die Bevorzugung passiver Ziele zu charakterisieren. Das ist natürlich nicht dasselbe wie die Passivität; es mag ein großes Stück Aktivität notwendig sein, um ein passives Ziel durchzusetzen. Vielleicht geht es so zu, daß sich beim Weib von ihrem Anteil an der Sexualfunktion her eine Bevorzugung passiven Verhaltens und passiver Zielstrebungen ein Stück weit ins Leben hinein erstreckt; mehr oder weniger weit, je nachdem sich diese Vorbildlichkeit des Sexuallebens begrenzt oder ausbreitet. Dabei müssen wir aber achthaben, den Einfluß der sozialen Ordnungen nicht zu unterschätzen, die das Weib gleichfalls in passive Situationen drängt.“ Freud war sich der gesellschaftlichen Bedingtheit der Passivität der Frau wohl bewusst, aber er blieb dabei, männlich mit aktiv gleichzusetzen und weiblich mit passiv.

In der ‚Neuen Folge‘ seiner Vorlesungen fasst Freud die Ergebnisse seiner Untersuchung der weiblichen Sexualentwicklung zusammen: Der Vergleich mit dem Knaben sage uns, „daß die Entwicklung des kleinen Mädchen zum normalen Weib die schwierigere und kompliziertere ist.“ Wie gesagt, Freud beschrieb die frühkindliche Sexualität des Mädchens als männlich: „Die frühen Phasen der Libidoentwicklung scheinen beide Geschlechter in gleicher Weise durchzumachen. ... Wir müssen nun erkennen, das kleine Mädchen sei ein kleiner Mann.“ Durch die Phasen der Sexualität, der oralen, analen und phallischen Phase hindurch, verfolgt der Knabe wie das Mädchen aktiv seine Triebziele: das Saugen an der Mutterbrust und das Zurückhalten des Kots bringen Befriedigung, genau so wie das Spielen mit dem phallischen Genital, dem Penis oder der Klitoris. „Es scheint, daß sich bei ihr [dem Mädchen, L.R.] alle onanistischen Akte an diesem Penisäquivalent abspielen, daß die eigentliche weibliche Vagina noch für beide Geschlechter unentdeckt ist.“

Dann entdeckt das Mädchen aber, dass der Knabe etwas besitzt, was sie nicht hat, einen Penis. Diese Erkenntnis stellt für sie eine narzisstische Kränkung dar, da sie ihre Klitoris als minderwertig empfindet. Sie entwickelt einen Penisneid, aus dem sich zwei folgenschwere Konsequenzen ergeben: „Der anatomische (Geschlechts-)Unterschied muß sich doch in psychischen Folgen ausprägen. Eine Überraschung war es aber, aus den Analysen zu erfahren, daß das Mädchen die Mutter für seinen Penismangel verantwortlich macht und ihr diese Benachteiligung nicht verzeiht.“ Da also das Mädchen der Mutter die Schuld an ihrer Minderwertigkeit gibt, wendet sie sich von diesem ihren ersten Liebesobjekt ab und „taucht in den ödipalen Hafen ein“, indem nun der Vater zu ihrem Liebesobjekt wird.

Die zweite Konsequenz des Penisneids ist für Freud neben diesem Liebesobjektwechsel die Abwendung von der Klitoris, da diese dem Phallus des Knaben gegenüber minderwertig ist. „Mit der Wendung zur Weiblichkeit soll die Klitoris ihre Empfindlichkeit und damit ihre Bedeutung ganz oder teilweise an die Vagina abtreten, und dies wäre die eine der beiden Aufgaben, die von der Entwicklung des Weibes zu lösen sind.“

Prinzipiell eröffnet diese „Entdeckung seiner Kastration“ dem Mädchen „drei Entwicklungsrichtungen: die eine führt zur Sexualhemmung oder zur Neurose, die nächste zur Charakterveränderung im Sinne eines Männlichkeitskomplexes, die letzte endlich zur normalen Weiblichkeit. ... Durch den Vergleich mit dem soviel besser ausgestatteten Knaben in seiner Selbstliebe gekränkt, verzichtet es auf die masturbatorische Befriedigung an der Klitoris, verwirft seine Liebe zur Mutter und verdrängt dabei nicht selten ein gutes Stück seiner Sexualstrebung überhaupt.“

Das Mädchen gibt aber nicht nur ihre klitorale oder die Sexualität überhaupt auf (und falls sie das nicht tut, Freud bei ihr einen Männlichkeitskomplex diagnostiziert): „Mit dem Aufgeben der klitoridischen Masturbation“ wird auf dem Weg jedes normalen Mädchens zu ihrer Weiblichkeit (!) „auf ein gutes Stück Aktivität verzichtet. Die Passivität hat nun die Oberhand, die Wendung zum Vater wird vorwiegend mit Hilfe passiver Triebregungen vollzogen. ... Der Wunsch, mit dem sich das Mädchen an den Vater wendet, ist wohl ursprünglich der Wunsch nach dem Penis... die weibliche Situation ist aber erst hergestellt, wenn sich der Wunsch nach dem Penis durch den nach dem Kind ersetzt... ganz besonders aber, wenn das Kind ein Knäblein ist, das den ersehnten Penis mitbringt.“

Das Mädchen ist jetzt also auf einmal passiv, da sie den Vater zum Liebesobjekt nimmt und ein Kind von ihm will.

Sehen wir uns die Folgen der vom Knaben sich unterscheidenden Entwicklung beim Mädchen an. Freud sieht den Penisneid als Pendant zum Kastrationskomplex des Knaben an, da er die bereits vollzogene Kastration bedeutet.

Das Mädchen kommt aber erst durch ihren Penismangel, aufgrund dessen sie sich von der Mutter abwendet „in den ödipalen Hafen“: „Während der Ödipuskomplex des Knaben am Kastrationskomplex zugrunde geht, wird der des Mädchens durch den Kastrationskomplex [= Penisneid, L.R.] ermöglicht und eingeleitet.“ Wir erinnern uns, dass die Kastrationsangst für Freud das Hauptmotiv für die Überwindung des Ödipuskomplexes beim Knaben ist (symbolische Kastration = Anerkennung der väterlichen Autorität), aus dem das Über-Ich entsteht. Da das Mädchen aber ihre Kastration bereits vor der ödipalen Phase akzeptiert hat, hat sie kein Motiv mehr, den Komplex zu überwinden: „Die Bildung des Über-Ich [des Mädchens, L.R.] muß unter diesen Verhältnissen leiden, es kann nicht die Stärke und Unabhängigkeit erreichen, die ihm seine kulturelle Bedeutung verleihen – und Feministinnen hören es nicht gerne, wenn man auf die Auswirkungen dieses Moments für den durchschnittlichen weiblichen Charakter hinweist.“

Frauen haben also ein schwächeres Über-Ich als Männer, sagt Freud.

Über die Fähigkeit zur Sublimierung schreibt er: „Wir sagen auch von den Frauen aus, daß ihre sozialen Interessen schwächer und ihre Fähigkeit zur Triebsublimierung geringer sind als die der Männer. ... Die Eignung zur Sublimierung ist den größten individuellen Schwankungen unterworfen. Hingegen kann ich es nicht unterlassen, einen Eindruck zu erwähnen, den man immer wieder in der analytischen Tätigkeit empfängt. Ein Mann um die Dreißig erscheint als ein jugendliches, eher unfertiges Individuum, von dem wir erwarten, daß es die Möglichkeiten der Entwicklung, die ihm die Analyse eröffnet, kräftig ausnützen wird. Eine Frau um die gleiche Lebenszeit erschreckt uns häufig durch ihre psychische Starrheit und Unveränderlichkeit. Ihre Libido hat eindeutige Position eingenommen und scheint unfähig, sie gegen andere zu verlassen. Wege zu weiterer Entwicklung ergeben sich nicht; es ist ... als hätte die schwierige Entwicklung zur Weiblichkeit die Möglichkeiten der Person erschöpft.“

Frauen sind also weniger zur Sublimierung fähig und zeichnen sich aufgrund ihrer schwierigen Frauwerdung durch psychische Starrheit aus.

Feministische und andere Kritik

Es ist nach dieser Darstellung wohl nicht schwer, Freud vorzuwerfen, „seine subtile Frauenfeindlichkeit in ein Weltbild umgesetzt zu haben, in dem Frauen nur als misslungene Männer auftreten können, da ihnen der Penis fehlt.“ Doch sehen wir uns mal genauer an, was an diesem Konzept der Entstehung der Weiblichkeit die Gemüter seiner KritikerInnen erhitzt.

Weiblich zu sein heißt zwingend, ein minderwertiges Mangelwesen zu sein: „Psychoanalytische Aussagen über Weiblichkeit verführen leicht zu Stereotypen über das ‚Wesen der Frau‘. Eine Frau, die ihren ‚Mangel‘ nicht akzeptieren will, wehrt nach psychoanalytischen Theorien die Realität zugunsten von Wunschvorstellungen ab. Sie hat, so sagt man, die genitale Stufe, das heißt die ‚reife Weiblichkeit‘, nicht erreicht.“

Das weibliche Geschlecht entsteht bei Freud also durch die Anerkennung seiner Minderwertigkeit. „Der Unterschied wird also als Polarität konstruiert; es enthält eine Überbewertung der einen Seite, eine Abwertung der anderen.“

Die Klitoris wird als unreif, die passive Vagina als natürlich weiblich gesehen. Dazu Mitscherlich: „Die angeblich Verlagerung sexueller Reizbarkeit von der Klitoris auf die Vagina als Zeichen psychosexueller Reifung zu sehen, war z.B. ein Irrtum; er beruhte nicht nur auf zeitbedingten falschen Kenntnissen ... sondern auch auf der Vorstellung von der Vorherrschaft des Mannes in seiner Gesellschaft, die sozusagen als Pendant Passivität der Frau erfordert.“

Peter Gay schreibt dazu: „Daß Freud die klitorale Sexualität nicht anerkennen wollte, hatte neben der biologischen Funktionalisierung der Vagina einen weiteren Grund: Er hätte sonst seine Geschichte von dem Entschluß des kleinen Mädchens, nicht länger ein kleiner Mann zu sein, umschreiben müssen. ... Das Aufgeben der Klitoris war für seine Theorie entscheidend.“

Auch Mitchell betont, dass in „Freuds Theorie ... die Entwicklung der Weiblichkeit mit der frühzeitigen Unterdrückung der Klitoris (steht und fällt).“ Er erklärt alle beobachteten Charakteristika der Frau hauptsächlich aus ihrer narzisstischen Kränkung über den Penismangel. Wenn das Mädchen aber die Klitoris nicht aufgibt, sondern ohne Komplexe an ihr festhält, dann kann der Penisneid nicht die Entstehung der Weiblichkeit erklären.

Freuds Theorie über die Abwendung von der Klitoris aufgrund ihrer angeblichen Minderwertigkeit bedeutet, dass jede Frau, die klitoral masturbiert, einen Männlichkeitskomplex hat. Demgegenüber könne es „nicht als Zeichen biologischer oder psychischer Reifung angesehen werden, wenn die Frau im Laufe ihrer Entwicklung die klitoridale Erregbarkeit zugunsten der vaginalen aufgibt. Die Erregbarkeit der Klitoris gehört physiologisch zur vollen sexuellen Befriedigung der Frau.“

Die Frau als passiv zu bezeichnen, sei laut Freud nur ein Zugeständnis an die Konvention und er sei sich des „Einflusses der sozialen Ordnungen“ durchaus bewusst, der „das Weib gleichfalls in passive Situationen drängt.“ Doch nur an der Konvention liegt es offenbar doch nicht: „Freud hatte zwar davor gewarnt, Weiblichkeit allzu leichtfertig mit Passivität, Männlichkeit mit Aktivität gleichzusetzen. Schließlich war er aber doch überzeugt, daß der schwierige Weg zur Weiblichkeit doch im Hinnehmen der Passivität kulminiere.“ Die ‚normale weibliche Entwicklung‘, also jede ‚gelungene‘ Entwicklung bedeutete für Freud passiv, feminin masochistisch zu sein.

Psychoanalytiker in der unkritischen Tradition Freuds bewerten „die für die Entwicklung des Menschen notwendigen Bedürfnisse nach Aktivität und Meisterung bei Frauen nicht als Fortschritt, sondern meist als phallisch-regressive Störung.“

In seiner Theorie über den Masochismus unterschied Freud drei Formen: den erotischen, den moralischen und den femininen Masochismus. Der feminine Masochismus „tritt unserer Beobachtung ... als ein Ausdruck des femininen Wesens entgegen.“ Freud diskutiert ihn am Beispiel eines Mannes: Man macht leicht die Entdeckung, dass „sie [die masochistischen Phantasien, L.R.] die Person in eine für die Weiblichkeit charakteristische Position versetzen, also Kastriertwerden, Koitiertwerden oder Gebären bedeuten.“ Das Problem besteht aber darin: „Was bei der Frau als natürlich angesehen wird, gilt beim Mann als Perversion.“ Freud wertet Perversionen bekanntlich ja nicht als böse, aber Masochismus, der beim Mann pervers ist, ist bei der Frau natürlich.

Lösungsvorschläge

Freud selbst hat im Laufe der Jahre den Zeitpunkt, an dem der anatomische Geschlechtsunterschied zu unterschiedlichen psychischen Folgen bei Knaben und Mädchen führt, immer früher datiert. Zunächst nahm er an, dieser trete erst in der Pubertät durch die Entdeckung der Vagina auf. Danach verlegte er ihn in die ödipale Phase, um später die große Bedeutung der präödipalen Phase anzuerkennen. Wie in fast keiner anderen Schrift betonte Freud die Vorläufigkeit und Unbewiesenheit seiner Vermutungen. Mitscherlich hat also recht, wenn sie schreibt: „Die offene Einstellung Freuds neuen Erfahrungen und Denkweisen gegenüber ist mittlerweile bei manchen Analytikern verlorengegangen. Was für Freud nur vorläufige Erkenntnisse waren, verfestigte sich bei seinen Nachfolgern nicht selten zu gesicherten Theorien.“ So finden sich bei Freud auch durchaus ambivalente Stellen, denn er warnt ständig davor, den Einfluss der Gesellschaft auf die Frau nicht zu vergessen: „Vielleicht geht es so zu, daß sich beim Weib von ihrem Anteil an der Sexualfunktion her eine Bevorzugung passiven Verhaltens und passiver Zielstrebungen ein Stück weit ins Leben hineinstreckt, mehr oder weniger weit, je nachdem sich diese Vorbildlichkeit des Sexuallebens begrenzt oder ausbreitet. Dabei müssen wir aber achthaben, den Einfluss der sozialen Ordnungen nicht zu unterschätzen, die das Weib gleichfalls in passive Situationen drängen. Das ist alles noch sehr ungeklärt. ... Die dem Weib konstitutionell vorgeschriebene und sozial auferlegte Unterdrückung seiner Aggression begünstigt die Ausbildung starker masochistischer Regungen, denen es ja gelingt, die nach innen gewendeten destruktiven Tendenzen zu binden.“

Freud war sich einerseits durchaus der gesellschaftlichen Bedingtheit des weiblichen Masochismus bewusst und leitete ihn andererseits trotzdem von der zwingenden Minderwertigkeit der Klitoris ab.

Versuchen wir auf Grund dieser Probleme, seine Theorie weiter zu modifizieren und sehen uns den frühen Einfluss an, den die unterschiedliche Erziehung und das Verhalten bei Knaben und Mädchen auf ihr Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit haben. Mitscherlich betont, dass man „die Wirkung traditionsbedingter, generationenalter Identifikationen und Wertvorstellungen der Eltern, vor allem der Mutter, auf die frühe Entwicklung des Mädchens“ nicht unterschätzen darf. „Das fängt bei der Geburt an und läßt das kleine Mädchen die Penislosigkeit als Beweis für die eigene Minderwertigkeit erleben.“ Bereits in der analen Phase werden „dem Jungen im allgemeinen Aggressionsausbrüche eher erlaubt als dem Mädchen, von dem man schon jetzt erwartet, daß es seine aggressiven Tendenzen einschränkt und zunehmend nach innen wendet.“

Erst ... die infantile Schau- und Zeigelust, bei der der Knabe im Vorteil ist und ... der Umstand, daß dem Knaben erlaubt, ja gelehrt werde, beim Urinieren sein Glied anzufassen, was das kleine Mädchen als Onaniererlaubnis deute – all das führe zu einem verständlichen Neid auf den Knaben und seine für das kindliche Erleben bessere genitale Ausstattung.

Das Mädchen nimmt die größeren Freiheiten des Knaben wahr und bringt sie unbewusst mit dem in Zusammenhang, was sie nicht besitzt, dem Penis.

Genau darin besteht der Unterschied der KritikerInnen Freuds zu Mitchell: „In ihrer Treue zu Freud erklärt auch sie letztlich die Macht des Vaters aus dem Besitz des Penis ... Mitchell schreibt: ‚Sie verschiebt ihre Liebe zur Mutter auf den Vater, weil sie dies tun muß ... Sie muß es tun, weil sie keinen Phallus hat. Keinen Phallus, keine Macht, außer in Form jener bezaubernden Mittel, ihn zu gewinnen.‘“

Mitchell setzt also Penis mit phallischer Macht gleich, ohne erklären zu können, warum das Mädchen alle Männer als mächtig erachtet. Man müsste also statt Penisneid, den Begriff des Phallusneids einführen, welcher darauf hindeuten würde, dass das Mädchen den Penis als Symbol für die größere Freiheit und Macht des Knaben empfindet.

Wenn Mitchell beispielhaft für alle Kritikerinnen, mit denen sie sich befasst, Kate Millett vorwirft, dass sie unbewusste Vorgänge als bewusste Entscheidungen hinstellt, so hat sie in diesem Punkt recht. Abgesehen davon ist Milletts Feststellung jedoch richtig. Sie schreibt:

Sie [die Mädchen, L.R.] sind von konkreten Beweisen jener männlichen Überlegenheit umgeben und bekommen von überall die Herabwürdigung ihres Geschlechts zu spüren. Aus diesem Grund beneiden die Mädchen die jungen Männer nicht um ihren Penis, sondern um das, was Männlichkeit an gesellschaftlichen Vorteilen bietet.

Das Mädchen wird von frühester Kindheit an zu passivem, introvertiertem Verhalten erzogen:

Die passiv-aggressive [= masochistische, L.R.], abhängige und leidensbereite Haltung der Frau wird durch die geschlechtsspezifische Sozialisation begünstigt, die dem Mann nach wie vor Aggression, Selbstbehauptung, Gefühlsabwehr offen zugesteht, der Frau aber unverändert die Rolle der sich Anpassenden, Gefühlvollen und Dienenden zuweist.

Bereits bei ersten Individuationsversuchen „fällt es manchen Müttern schwerer, auf die altersentsprechenden Trennungswünsche ihrer Töchter einzugehen, als auf die ihrer Söhne. Die Sozialisation beginnt, das heißt, traditionelle Rollenvorschriften beeinflussen zunehmend das elterliche Verhalten ihren Kindern gegenüber und formen damit das Triebschicksal, den Umgang des Kindes mit seinen Trieben.“

Es gibt also keine männlichen und weiblichen Triebe, sondern nur anerzogene Unterschiede in der Art, mit ihnen umzugehen. Verdrängte oder gehemmte Sexualität sind Produkte erdrückender Moral. Wenn der Penisneid aber erst eine Reaktion auf die ungleiche Erziehung ist, dann muss das Nichtvorhandensein eines Penis beim Mädchen nicht in jedem Fall zu Minderwertigkeitsgefühlen führen.

Da die Mutter das Mädchen nicht mächtig gemacht hat, d.h. ihr keinen Penis gegeben hat und auf die Trennungswünsche des Mädchens unwillig reagiert, muss sich das Mädchen von der Mutter abwenden und sucht im Vater, dem Andersgeschlechtlichen, sein neues Liebesobjekt. Damit beginnt ihre ödipale Phase. Bekanntlich spielt bei Freud die Kastrationsangst bei der Über-Ich-Bildung des Knaben eine zentrale Rolle. Da das Nichtvorhandensein der Kastrationsangst beim Mädchen das Motiv für die Über-Ich-Bildung bei ihr vermissen lässt, müssen wir uns fragen, ob die Kastrationsangst überhaupt wirklich so eine große Rolle spielt. Verläuft die Über-Ich-Bildung bei Knaben und Mädchen nicht doch viel ähnlicher als Freud annahm: Beide lieben den andersgeschlechtlichen Elternteil und fürchten den gleichgeschlechtlichen und werden von diesem in seiner/ihrer sexuellen Erfüllung gehindert. Durch die Bedrohung, die Übermacht des/der Konkurrenten/in werden sie gezwungen, die Autorität der Mutter/des Vaters aus Selbstschutz zu verinnerlichen und sich mit ihm/ihr zu identifizieren. Falls es also so etwas wie ein schwächeres Über-Ich bei Frauen gibt, entsteht es aus der Identifizierung mit der gesellschaftlich bedingten, schwächeren Autorität der Mutter. In unserer heutigen Gesellschaft ist die Macht der Väter als anerkannte Autoritäten jedoch gegenüber der Zeit Freuds deutlich geschwächt: „Diese väterliche Autorität kann sich zum Beispiel mit ihrem repressiven Anspruch in sexueller Hinsicht den Befriedigungswünschen der Menschen unserer Zeit nicht mehr erfolgreich entgegensetzen. Ihr Gebot wird nicht heimlich, sondern offen verletzt. Aber zugleich scheinen an der Fülle von Statusvorteilen, die dieser Vater vermittelt, weder er selbst noch seine Kinder zu zweifeln. Hier bleibt er Autorität. Der Grad der Orientierung an Prinzipien im sozialen Verhalten hat also abgenommen. Der Konsens stellt sich durch das Zuschaustellen unmittelbar zeigbarer Macht her. Die Vereinfachung solcher Ideologie ist an die Stelle eines strengen ... Über-Ichs getreten.“

Die Haltung des Vaters wird also vom Knaben als „überrepressiv und veraltet“ wahrgenommen, an seiner Stelle gewannen andere Autoritäten, Unterricht, Lektüre und der Freundeskreis immer mehr an Bedeutung. Diese äußeren Einflüsse sind aber für Knabe und Mädchen gleich, d.h. die Autoritäten sind gleich stark und werden somit auch gleich stark verinnerlicht. Je nachdem, wie stark oder schwach ihr Ich im Laufe der Zeit sich entwickelt, werden Kinder und in unserem Fall besonders das Mädchen bestimmte anerzogene Werte als hemmend und unterdrückend verwerfen können.

Bilanz

Freud entdeckte zwar die weibliche Sexualität, stufte sie aber in vielen Fällen als pervers, da am Männlichkeitskomplex leidend, ein. Die Sexualität der ‚normalen‘ Frau, wie er sie beschreibt, ist passiv, masochistisch und gehemmt, Freud ist von den üblichen Vorstellungen seiner Zeit hier also nicht sehr weit entfernt. Seine Erkenntnisse sind für eine Analyse des Geschlechterverhältnisses aber dennoch wertvoll.

Lena Lindhoff fasst die Kritik zusammen: „Indem er den zensierenden Einfluß der sozialen Ordnung auf die kindliche Entwicklung beschreibt, eröffnet Freud die Möglichkeit einer Infragestellung der bestehenden Formen von Subjektivität und Sexualität, die sich im Zuge dieser Entwicklung herausbilden. Freud selbst zieht diese Konsequenz nicht; er macht zwar die Genese des Subjekts sichtbar, aber er stellt diesen Prozess als notwendigen dar. Die patriarchalische Ordnung der Familie und Gesellschaft ist für ihn unhintergehbar. ... Freud macht damit zur wissenschaftlich fundierten ‚Wahrheit‘, was in der patriarchalischen Kultur durchaus Wirklichkeit ist oder zumindest sein kann“

Freud zeigt auf, wie wichtig die frühkindliche Entwicklung für eine Erklärung der ‚typischen‘ Charakteristika der Frau: Passivität, Masochismus, verdrängte Sexualität, Frigidität etc. ist, stellt diese Entwicklung jedoch als aufgrund des anatomischen Geschlechtsunterschieds notwendige dar. Dennoch: Die Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft gerade mithilfe der Freudschen Methode kann revolutionär sein, auch wenn die universellen Schlussfolgerungen, wie sie Freud gezogen hat, eindeutig falsch sind. Oder, in den Worten von Mitchell: „Daß Freuds Frauenbild pessimistisch war, zeugt weniger von seiner reaktionären Einstellung als von der Situation der Frau. Die Zählebigkeit ihrer Unterdrückung muß tiefere Ursachen haben als eine bloße Verschwörung; Ursachen, die komplexer sind als das biologische Handicap und dauerhafter als die ökonomische Ausbeutung ... Der Status der Frauen wurzelt nicht nur im Heim, sondern auch im Herzen und im Kopf: die Unterdrückung ist keine triviale oder auf kurze historische Perioden beschränkte Angelegenheit – um sie so wirksam aufrechterhalten zu können, muß sie in Fleisch und Blut übergegangen sein.“