Mary Kreutzer

MultikulturalistInnen: die postmodernen RassistInnen

Der aufgeklärte, liberale und tolerante Multikulturalismus als demokratischer, realutopischer Gesellschaftsentwurf, als Konstrukt, geht von den Realitäten der Einwanderergesellschaft aus und postuliert entsprechende Bedingungen für die Einwanderung und die Koexistenz verschiedener kultureller Lebensformen auf der Grundlage ethnischer, sprachlicher und religiöser Toleranz. Es sollen alle BewohnerInnen ohne Ansehen ihrer Herkunft, Identität, Ethnizität, Sprache, Religion, etc. die gleichen Rechte genießen, es soll kein existentieller Unterschied zwischen Angehörigen einer Mehrheit und einer Minderheit bestehen, kein Unterschied zwischen „Einheimischen“ und „Fremden“ hinsichtlich der Arbeits- und Wohnbedingungen, der sozialen Sicherheit, Bildung, aber auch der politischen Beteiligung.

Die gesellschaftspolitische Realität ist entgegen der multikulturellen Programmatik geprägt von nationalstaatlichen Abwehrstrategien, Ethnozentrismus, Rassismus gegenüber AsylantInnen und ArbeitsemigrantInnen und Wohlstandschauvinismus gegenüber dem Eindringen von Fremden in die Behaglichkeit der privilegierten Wohlstandsgesellschaften.

Die mangelhafte Abgrenzung zum Ehnopluralismus gehört zu den Schwächen des Begriffs „Multikulturalismus“, obwohl das Abgrenzungsbedürfnis gerade dort besonders hoch ist. Trotz der offenbaren Unterschiede zwischen dem linksliberalen „Multikulturalismus“ und dem neurechten „Ethnopluralismus“ sind einige Vorstellungen tatsächlich weniger weit voneinander entfernt, als es zunächst erscheint, was auch auf die theoretischen Schwächen innerhalb des multikulturalistischen Konzepts zurückgeht.

Terkessidis faßt einige Grundannahmen, in denen zwischen den VertreterInnen der Multikultur Konsens herrscht, zusammen:

  1. MultikulturalistInnen definieren die jeweiligen Kulturen von ihren jeweiligen „Besonderheiten“ aus. In diesen Unterscheidungen wird jedoch letztendlich die Mehrheitskultur wieder in den Mittelpunkt gerückt. Die MigrantInnen helfen als KulturrepräsentantInnen, die Selbstbesinnung der EuropäerInnen abzustützen. Der Hintergrund der Einwanderer, die Geschichte ihrer sozialen oder politischen Not, ihre „Entwurzelung“, die sie zur Auswanderung bringt, wird vernachlässigt.
  2. Prämissen des alten „Gastarbeitersystems“ werden übernommen, indem auch weiterhin die Regulierung der Einwanderung nach Kriterien der Konjunktur, „demographischer Defizite“ und Qualifikation vorgenommen werden soll.
  3. Kulturen werden letztlich ebenso wie im neurechten „Ehnopluralismus“ als vorgängige Substanzen gesehen, zwischen denen es auf engstem Raum unausweichlich zu Auseinandersetzungen kommen muß. „Fremdenangst“, „Xenophobie“, „Rassismus“ werden als quasinatürlich angesehen. „Ausländerkriminalität“ werde in einer multikulturellen Gesellschaft ebenfalls quasinatürlich anwachsen, wenn auch nicht durch diese allein verursacht.

Im Zusammenhang damit schreibt der grün-alternative Claus Leggewie in seinen „multikulti-Spielregeln für die Vielvölkerrepublik“ (Nördlingen 1990):

Es ist leider nicht auszuschließen, daß sich im Zusammenhang mit Einwanderung die Intensität der Konflikte und auch die Bereitschaft zur Gewalt steigert, in den Großstädten wie im Hinterland. Jedes Faible für Einwanderung, das verschweigt, wie Ladendiebe und Ruhestörungen sich vermehren oder Les Zulus [kursiv im Original] U-Bahnhöfe unsicher machen könnten, ist rasch erschöpft.

Kultureller Differenzen zwischen den Menschen können natürlich nicht geleugnet werden. Die Problematik beginnt jedoch bei der Übersetzung sozialer Probleme in kulturelle. Sie beginnt da, wo wirtschaftliche und politische Probleme wie Krisen, Rassismus, Kriminalität etc. nicht mehr in einem struktrurellen Rahmen interpretiert werden, in dem man auch ihr historisches Gewordensein analysieren kann, sondern als unhistorische kulturelle Erscheinungen.

Für den slowenischen Philosophen und Psychoanalytiker Slavoj Zizek ist der Multikulturalismus die Ideologie des multinationalen Kapitalismus schlechthin, ein „Rassismus, der Abstand hält“, der die Identität des Anderen respektiert, das Andere als eine in sich geschlossene „authentische“ Gemeinschaft wahrnimmt. Die MultikulturalistInnen halten diesen Abstand von ihrer privilegierten universellen Position aus. Der multikulturalistische Respekt vor der Besonderheit des Anderen ist eigentlich die Behauptung der eigenen Überlegenheit. Zizek plädierte angesichts des Krieges in Ex-Jugoslawien entschieden gegen eine Ethnisierung und Kulturalisierung der Politik: „Man tat den Krieg als lokale Stammesfehde ab und übersetzte das politische Problem dahinter immer in ein rein humanitäres: Wie können wir helfen? Rassismus par excellence!“

Diese verlogene Toleranz funktioniert nur dort, wo die anderen nicht wirklich da und anders sind, wo die Inder, reduziert auf eine folkloristische Entität „ein bißchen tanzen und gute Restaurants aufmachen“. Die invertierte Form von Rassismus beschreibt Zizek folgend: Die „Marseillaise“ läßt den postmodernen Multikulturalisten völlig kalt, doch wenn er dem Ritual eines afrikanischen Stammes lauscht, gerät er in Ekstase.

Diese moderate, liberale und tolerante Multikulti-Linke hat stillschweigend akzeptiert, that capitalism is here to stay, und hat im Kampf für die kulturellen Differenzen nun ein Ersatzventil für ihre kritische Energie gefunden, das die Beschaffenheit des kapitalistischen Weltsystems intakt läßt.

Ethnopluralismus als Gegenstand des rassistischen bzw. neorassistischen Diskurses ist ein Beispiel wie neue Sprache altes Denken kaschieren kann. Der Kulturdiskurs der „Neuen-Rechten“ ersetzt den Rassendiskurs. Das Konzept von Kultur wird im Ethnopluralismus als ethnisch und homogen gedacht, als kollektivierendes Schicksal (letztlich einer biologischen Art), in das der einzelne „genetisch“ durch Mythen der Abstammung, Sprache, Geschichte etc. eingeschmolzen sei. Kultur gewinnt ihre Kontur in der Abgrenzung von anderen Kulturen. Die spezifische Bedrohung resultiere aus der „Mischung“ der Kulturen untereinander, weiters die „Überflutung“ und „Überfremdung“ durch Menschen aus anderen Kulturen, welche eine bestimmte, der Kultur unterstellte „ethnische“ Substanz zerstöre. Aus dem minderheitlichen „Recht auf Differenz“ wird eine „Pflicht zur Differenz“.

  • Vgl. Fischer, Gero Ethnopluralismus, Multikulturalismus und interkulturelle Erziehung, in Reinalter/Petri/Kaufmann (Hg): Das Weltbild des Rechtsextremismus, Wien 1998, S.243-259.
  • Terkessidis, Mark: Kulturkampf. Volk, Nation, der Westen und die Neue Rechte, Köln 1995.
  • Zizek, Slavoy: Ein Plädoyer für die Intoleranz, Wien 1998,
  • Liebe Deinen Nächsten? Nein danke! Die Sackgasse des Sozialen in der Postmoderne, Berlin 1999.