Benjamin Kaufmann

Lueger in meinem Fleisch

Replik auf Martin Krenns Denkmalsturz unvollendet im Standard vom 27.8.2020: https://www.derstandard.at/story/2000119599321/denkmalsturz-unvollendet

Der Entwurf Klemens Wihlidals, der bei dem vor zehn Jahren von der Universität für Angewandte Kunst ausgeschriebenen Wettbewerb zur Umgestaltung des Lueger-Ehrenmals Josef Müllners prämiert wurde, ist ohne Erkenntnismehrwert. Dass Lueger einer der prononciertesten Antisemiten des 19. Jahrhunderts war, ist weithin bekannt, und spätestens seit der Umbenennung der einst nach ihm benannten Kirche am Zentralfriedhof und des Ringabschnitts bei der Universität ist auch in der Wiener Realpolitik angekommen, dass er keine Ehrung verdient. Es ist scharf zu trennen zwischen Gesten, die etwas Verborgenes sichtbar machen, wie etwa am Weinheber-Denkmal (Plattform Geschichtspolitik, Wien 2013/2019) und gut gemeinten Interventionen wie den „Wunden der Erinnerung“ (Beate Passow und Andreas von Weizäcker, Wien und andernorts 1993-1995). Diese stilisieren die nazistische Gesellschaft zu einer „verwundeten“ und, durch die Installation gleicher Tafeln in den überfallenen Nachbarländern Deutschlands, wird ihre Erfahrung mit jener der antifaschistischen Staaten im Verteidigungskrieg gleichgesetzt. Der Wihlidal-Entwurf fällt in letztere Kategorie. Durch das Kippen des Ehrenmals um 3,5 Grad wird nichts aufgedeckt, sondern, im Gegenteil, Ehrenmalschutz geleistet. Dieser Entwurf weiß darum, dass es sich bei dem Wettbewerb um keine offizielle Ausschreibung der Stadt handelt, dass jene Personen, welche die Entscheidung über eine Umsetzung fällen, bestenfalls einem schwachen Kompromiss zustimmen und eine möglichst stille Beilegung der Angelegenheit bevorzugen würden. Was damals manchen als das Wenigste erschien, ist heute zu wenig.

Der Denkmalschutz in Wien, immer wieder unfähig bedeutende Bauwerke zu bewahren, schützt hier nicht nur das Objekt als solches – die Zerstörung wird nicht gefordert –, sondern auch seine Ehrfunktion, die es nur durch die Einnahme des öffentlichen Raumes, in der Lueger als Held inszeniert wird, erfüllen kann. Das aber geht über das Denkmalschutzgesetz hinaus, das allein die „Bewahrung vor Zerstörung, Veränderung oder Verbringung ins Ausland“ fordert. Einer Verbringung in ein Depot oder ein Museum aber steht schon jetzt rechtlich nichts im Weg. Sollte es hingegen von Seiten der Stadt Wien den Wunsch geben, durch einen Eingriff vor Ort eine neue Situation zu schaffen, so ist es geboten, den Denkmalschutz vorher aufzuheben. Nur so kann verhütet werden, dass sich eine Situation wie bei der Umgestaltung der anderen prominenten antisemitischen Arbeit Müllners zur „Kontroverse Siegfriedskopf“ (Bele Marx und Gilles Mussard, Wien 2006) wiederholt, in der das zentrale Element der Setzung, der Glassturz, nicht in erster Linie künstlerisch gewollt, sondern vom Denkmalamt als Schutz verordnet wurde.

Die Ehrung Luegers besteht aus vier Teilen, von denen zumeist nur einer thematisiert wird. Lueger ist Namensgeber des Platzes und zentrale Figur des Ehrenmals, das wiederum selbst aus drei Teilen besteht: seinem Namenszug in goldenen Lettern, der Figur, der einfachsten Form der Ehrung, die in unserer Zeit fast schon lächerlich wirkt, sowie den Reliefen und den Lueger flankierenden Standbildern auf den diagonalen Achsen. Dieser untere Teil des Ehrenmals ist der interessantere, weil er die vorgeblichen Errungenschaften des ehemaligen Bürgermeisters hervorhebt (und zu anderem schweigt) – eine Form der Auszeichnung, die viel besser in unsere nominell meritokratische Gesellschaft passt. Eine Veränderung an Platz und Ehrenmal muss alle vier Elemente, die Lueger ehren, ansprechen und unmissverständlich alle Lesarten, die ihn ehren, verunmöglichen.

Aus einem Ehrenmal wird kein Mahnmal, weil man es einmal anschupft. Es stehen zu lassen – gleich ob grad oder schief –, bedeutet nichts Geringeres als einen Sieg der Geschichtsrevisionistïnnen, die den Antisemiten Lueger durch die Arbeit des Nationalsozialisten Müllner weiter geehrt sehen wollen. Ein Ehrenmal, wohl gemerkt, für dessen Erhalt als solches sich nicht einmal die Rechtspopulistïnnen öffentlich einzutreten trauen und stattdessen auf das Scheinargument der Geschichtsauslöschung ausweichen. Geschichte wird an Universitäten erforscht, in Büchern zugänglich gemacht und Museen leisten bestenfalls beides. Ehren-, Denk- und Mahnmäler taugen aber nur sehr bedingt zur geschichtlichen Bildung und Vermittlung. Wirkmächtig sind sie vor allem dann, wenn sie durch Interaktionen aktiviert werden. Viele tausend Menschen gehen täglich am Marcus-Omofuma-Stein (Ulrike Truger, Wien 2003) vorbei, ohne ihn wahrzunehmen. Er drängt sich nicht auf, ist aber seit seiner Setzung wichtigster Versammlungspunkt für antifaschistische Proteste, und jeder dieser Proteste ist auch ein Gedenken an Omofuma. Die letzte Aktivierung des Lueger-Ehrenmals erfolgte durch eine Gruppe um Martin Sellner im vergangenen März. Über 200 Antifaschistïnnen hatten den Platz besetzt, um die Ehrung Luegers zu unterbinden, wurden aber von der Wiener Polizei gewaltsam verdrängt, welche die fahnenschwenkenden „Österreicher“ zum Ehrenmal geleitete. Rechtspopulistïnnen, Rechtsextremistïnnen und Neofaschistïnnen werden sich auch unter einem um 3,5 Grad gekippten Lueger weiter wohlfühlen. Jüdïnnen weiter nicht. Es ist unmissverständlich, wer hier spricht und für wen.

Das von Krenn zitierte Bild Rathkolbs des Ehrenmals als „Stachel im Fleisch“ ist gut getroffen. Dem Schluss, den beide ziehen, aber kann ich nicht folgen. Fragt man eine Ärztïn, was bei einem Stachel im Fleisch zu tun sei, wird sie sagen, man solle ihn ziehen. Soll die fragliche Aufklärung der „sekundären Volksgemeinschaft“ (Scheit), den Schmerz der Jüdïnnen aufwiegen wie der Bau der Gasleitungen unter Lueger seinen Antisemitismus? Dieses Denkmal ist mir und vielen anderen in dieser Stadt ein Stachel. Diesen Schmerz im Namen einer Volks-Pädagogik zu übergehen ist zynisch und offenbart deutlich die herablassende Haltung, die Minderheiten entgegengebracht wird. Opposition zum Antisemitismus ist augenscheinlich nach wie vor etwas, das man als nicht-jüdische Österreicherïn zuerst für sich selbst performt und nicht etwas, das man für Jüdïnnen tut. Wir brauchen kein schiefes Denkmal zur Illustration der Gegenwart; den Stachel in unserem Fleisch spüren wir auch so.