Uwe Mattheiß

Lueger für die Ewigkeit?

Ein Denkmalsturz in Wien käme einem Moment der Katharsis gleich: Was gegen die Ästhetisierung des Erinnerns spricht oder warum auch Denkmäler zur Disposition stehen

Die Statue von Karl Lueger auf dem Wiener Dr.-Karl-Lueger-Platz sendet eine Botschaft aus, die aufgeklärtes Geschichtsbewusstsein so nicht stehen lassen kann. Das ist keine Neuigkeit, aber Handlungsbedarf verursachte sie offenbar erst nach dem lokalen Übergreifen einer globalen Protestbewegung. Die Graffiti, die im Zuge der Black-Lives-Matter-Demonstrationen am Denkmalsockel angebracht worden sind, kehren hervor, was die 1926 an dieser Stelle errichtete Skulptur als politische Inszenierung lauthals verschweigt.
Die Stadt Wien will eine „künstlerische Kontextualisierung“ des Lueger-Denkmals am Stubentor.

Luegers Popularität und die Macht des Politikers, der in Wien um 1900 die Entwicklung zur modernen Großstadt angestoßen hat, verdankten sich maßgeblich dem antisemitischen Ressentiment. Dass dieses Ressentiment „taktischer“ Natur gewesen sein soll, wie Apologeten lange behauptet haben, macht die Sache nur schlimmer. Lueger erkannte früh das manipulative Potenzial moderner Massenkommunikation. Sein Antisemitismus wirft nicht nur lange Schatten auf den politischen Katholizismus in diesem Land, sondern auch auf die fröhliche Fortschrittserzählung der Wiener Moderne.

Vom Sockel heben

Was tun mit dem Bildnis Luegers an diesem exponierten Ort? Die naheliegende Option, es zu entfernen, zieht den Vorwurf „cancel culture“ auf sich. Als ob Lueger in Wien je gecancelt werden könnte. Dem Modernisten Lueger begegnet man an allen Wegmarken der historischen Stadt. Die Auseinandersetzung mit seiner politischen Ideologie würde der Rückbau am Dr.-Karl-Lueger-Platz am Ende mehr befördern als der Status quo. An Lueger lassen sich die Widersprüche der Moderne trefflich studieren und auch ab wann die Geschichte noch unerkannt Kurs auf die Katastrophe nimmt.

Mit dem Schlagwort künstlerische Kontextualisierung verlagert die aktuelle Diskussion das Problem mit dem Denkmal ins Ästhetische. Was an historischer Aufarbeitung noch aussteht, wird in den Möglichkeitsraum der Kunst transferiert. Nach den Plänen der Stadtregierung ermittelt ein Wettbewerb im kommenden Jahr das von einer „hochkarätigen Jury“ autorisierte und in seinen technischen Gegebenheiten genehmigungsfähige Projekt zur künstlerischen Kontextualisierung der bestehenden Skulptur. Sie soll Lueger gleichsam vom Sockel heben, ohne ihn anzurühren. Der Denkmalsturz in effigie kann ab 2023 realisiert werden.

Unerschütterlicher Glaube

Es herrscht ein unerschütterlicher Glaube an die Macht der Ohnmacht der Kunst. Ihr wird heute das Vermögen zugeschrieben, Widersprüche, an denen die Gesellschaft regelmäßig scheitert, auf wundersame Weise zu glätten. Zwischen prekärer Ökonomie und einem Aufgehen im Spektakel dienen sich Kunst, Künstlerinnen und Künstler vielfach der Gesellschaft als Putztrupp für symbolische Reparaturarbeiten an. Die Dialektik des Engagements bringt Kunst an den Rand ihrer Aufhebung im Sozialen. Das ist kein Plädoyer gegen politische Radikalität in der Kunst. Im Gegenteil, ihre Praxis stellt das Bestehende immer schon grundsätzlicher infrage, als das engagierteste politische Projekt es jemals tun kann.

Ob sie so den in der Denkmaldebatte angestrebten lagerübergreifenden Konsens befördert, steht dahin. Es bleibt die Frage: Sind wir noch Teil der Geschichte, von der hier die Rede ist, oder schauen wir auf sie als etwas Abgeschlossenes hinter einem Glassturz, das allenfalls zu kommentieren ist?

Antisemitisches Vorurteil

Das antisemitische Vorurteil hat bis in die Gegenwart immer wieder – von rechts bis links – an wechselnde politische und religiöse Bezüge angeknüpft. In einer globalisierten Welt ist Antisemitismus zur globalen Bedrohung geworden. Luegers Geschichte kann gar nicht abgeschlossen sein, auch wenn seine historische Version des Antisemitismus heute nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.

Was spricht dagegen, zu revidieren, was 1926 vielen richtig schien, heute aber erkennbar falsch ist? Wohlgemerkt nicht ohne erklärende Spuren. Es geht darum, die Bruchlinien und Verwerfungen der Geschichte im Stadtbild mitzudenken und sichtbar zu machen. Die Wiener Bausubstanz hat den Zweiten Weltkrieg glücklicherweise ohne weitreichende Verluste überstanden. Daraus erwächst die Verantwortung, sich im Blick auf die Geschichte von der eigenen Schönheit nicht allzu sehr blenden zu lassen.

In einem Land, das nie von selbst einen Monarchen gestürzt hat, hätte ein solcher Denkmalsturz, der wohlgemerkt in absehbarer Zeit nicht stattfinden wird, ein unvergleichliches Moment von Katharsis, das weit über den konkreten Eingriff hinausweist. Womit dann doch die Sphäre der Kunst berührt wäre: in einem Akt der Befreiung durch die Konfrontation mit den eigenen verborgenen Gespenstern, zu der auch die politischen Erben der Christlichsozialen herzlich eingeladen sind. Es gibt nur eine Geschichte, und sie gehört auch nicht einer Partei.

Zuerst erscheinen in der Tageszeitung Der Standard