Ljiljana Radonić

Kroatien im Zweiten Weltkrieg und heute

Der kroatische Holocaust-Überlebende Zeev Milo, Autor des Buches „Im Satellitenstaat Kroatien. Eine Odyssee des Überlebens 1941-1945 (2002)“, hielt am 2. Mai in Wien einen Vortrag mit dem Titel „Im Schatten des Dritten Reiches. Verfolgung und Vernichtung im Ustascha-Kroatien 1941-1945.“ Im Anschluss daran führte Ljiljana Radonic folgendes Interview.

Context XXI: Sie haben lange Zeit nicht darüber geschrieben, was Sie erlebt haben, warum jetzt?

Zeev Milo: Mein Beruf hat mich in Anspruch genommen. Ich war Ingenieur und Offizier der israelischen Armee, da hätte ich keine Zeit gehabt. In Pension habe ich langsam angefangen zu schreiben, aber nur über meine persönlichen Erlebnisse. 1991 fuhr ich in die gerade entstandene Republik Kroatien, weil die Mutter meiner Frau gestorben war. Und da habe ich das neue Tuđman-Kroatien erlebt, was mich sehr überrascht und schockiert hat, weil ich wieder das gehört und gesehen habe, wovor ich damals geflüchtet bin, also dem Ustascha-Kroatien. Es ist übertrieben zu sagen, dass Kroatien 1991 wieder ein richtiger Ustascha-Staat war, aber so vieles hat mich daran erinnert: Straßennamen wurden geändert, man konnte Pavelić-Fotografien in den Auslagen sehen, aus den Lautsprechern an öffentlichen Plätzen kamen Ustascha-Lieder und die Zeitungen waren voll mit Berichten über Dinge, die damals passiert sind und über aktuelle Vorträge. Z.B. ist einer, der damals Propaganda-Minister war, zu Besuch aus Argentinien gekommen, wo er all die Jahre im Exil gelebt hat, und jetzt kam er frei und als großer Held zurück und hielt Vorträge über die Ustascha-Theorien, Ustascha-Geschichte etc.

Was hatte es genau mit den Straßenumbenennungen auf sich?

Den Platz, an dem sich das Gebäude der Ustascha-Polizei befand, in dem unschuldige Opfer gefoltert und ermordet wurden, hatte Tito nach dem Krieg „Platz der Opfer des Faschismus“ genannt, was sehr gut gepasst hat. Jetzt auf einmal ist dieser Name verschwunden. Stattdessen stand dort: „Platz der berühmten kroatischen Anführer.“

Wir waren auch am Friedhof. Am Eingang zum Friedhof ist ein Mausoleum für die Familie Budak. Einer von den Budaks war Minister im Ustascha-Staat. Er hat das Volk bei Versammlungen gegen die Serben aufgehetzt und auch ganz offen gesagt, was mit den Serben geschehen soll. Die bekannte Formel: Ein Drittel sollte nach Serbien ausgewiesen werden, ein Drittel sollte man zwangstaufen und den Rest sollte man umbringen. In der Praxis hat man viel mehr ermordet, als man getauft hat. Budak hat natürlich auch gegen die Juden gehetzt.

Das waren meine Eindrücke im neuen Zagreb, später waren wir nie mehr dort. Das war für mich so ein Schock, dass ich den Entschluss fasste, unbedingt ein Buch zu schreiben, in dem ich nicht nur meine Geschichte und die meiner Familie beschreibe, sondern auch was damals passiert ist, die Geschichte anhand von zahlreichen Büchern und Dokumenten. Es war also ein Protest.

Was geschah damals nach der Proklamation des Unabhängigen Staates Kroatien?

Am 6. April haben die Deutschen Jugoslawien angriffen, vier Tage danach sind sie schon in Zagreb einmarschiert. Die Kroaten haben gejubelt, man hat Orangen und Bonbons auf die Panzer geworfen, es gab Gesang, sie waren entzückt. Dafür gab es mehrere Gründe: Nicht nur, dass sie gesehen haben, dass Kroatien frei wird, auch der Krieg spielte eine Rolle. Die Deutschen waren einmarschiert, also war der Krieg vorbei. Das war auch ein Grund, warum die Kroaten gejubelt haben, nicht weil sie Pavelić so sehnsüchtig erwartet haben.

Am ersten Tag wurden im Radio zwei Erklärungen abgegeben. Die erste kam von Slavko Kvaternik,, der später der zweite Mann hinter Pavelić wurde. Er hat im Radio den kroatischen Staat mit Pavelić an der Spitze ausgerufen. Viele haben den Namen zum ersten Mal gehört. Die zweite Erklärung kam von Maček, dem Anführer der kroatischen Bauernpartei. Er rief all seine Parteigenossen dazu auf, mit der neuen Regierung aufrichtig zusammenzuarbeiten, also traten viele seiner Anhänger den Ustascha bei. Maček hat damals vielleicht nicht gewusst, welch katastrophale Folgen sein Aufruf haben wird.

Die Deutschen sind am ersten Tag bereits in die jüdische Gemeinde eingebrochen, haben die Gemeindefunktionäre verhaftet und Geld beschlagnahmt. Auch das Haus wurde für die Gestapo beschlagnahmt. Einige Tage später haben die Deutschen die angesehenen Juden Zagrebs eingesperrt, zum SD-Süd nach Graz gebracht und verhört. Nach kurzer Zeit hat man sie jedoch freigelassen. Damit war für eine Zeit lang das Einmischen der Deutschen in die „Judenfrage“ zu Ende.

Von da an führten die Kroaten also alle antijüdischen Maßnahmen selbständig aus?

Ja, die Kroaten fingen bereits am ersten Tag mit einer schrecklichen Hetze gegen die Juden an. Das erste Opfer war ein jüdischer Ladenbesitzer vom Jelačić-Platz, dem Hauptplatz in Zagreb, der den Deutschen angeblich keinen Kaffee verkaufen wollte und deshalb von den Ustascha zum Tode verurteilt wurde. Weitere Verhaftungen und Morde folgten. Dann kamen die antijüdischen Gesetze, das Rassengesetz, die Verpflichtung zum Tragen des Judenabzeichens.

Natürlich gab es auch wirtschaftliche Repressalien, das Vermögen wurde weggenommen, so wie überall, das war ja auch in Österreich so. Kurze Zeit später wurden die ersten Lager errichtet. In erster Reihe wurde unauffällig die jüdische Jugend — angeblich zum Arbeitsdienst — einberufen. Aber dann hat sich herausgestellt, dass man die jüdischen Jugendlichen auf dem Berg Velebit umgebracht hat.

Ich sollte auch mit dieser Jugend zusammen mobilisiert werden, aber ich war nicht in Zagreb. Meine Eltern haben mich in eine Provinzstadt geschickt, in der meine Großeltern gelebt haben, um dort vielleicht sicherer zu sein. Auch dort hat man die jüdische Jugend für den Arbeitsdienst vorbereitet, aber wir waren nur sechs oder sieben, also haben sie das sein lassen. Das war ein Zufall und ein Glück.

Wie wurde das alles von den Kroaten gesehen, also die Hetze, der neue Staat, der öffentliche Angriff auf die Juden?

In den ersten Tagen herrschte große Begeisterung. Bald wurde Pavelić jedoch gezwungen, auf einen Großteil der dalmatinischen Küste und auf viele der Inseln zu verzichten. Dann kam noch die Nachricht, dass Kroatien ein Königreich sein sollte. König sollte ein Italiener werden. Das war der zweite Schock, so dass die Begeisterung, ebenso wie sie aufgekommen war, nun verschwand. Wenn es am Anfang 100% waren, waren es nach ein paar Wochen nur noch 40% und hat immer weiter abgenommen. Ein Teil der Kroaten war bestimmt antisemitisch eingestellt, aber zur Judenverfolgung durch das Volk kam es nicht, d.h. man hat die Juden nicht angegriffen, sie nicht vorfolgt oder auf der Straße beschimpft. Im Gegenteil, als die Judenzeichen eingeführt wurden, kamen viele Kroaten auf Juden zu und meinten: „Das ist nicht eure Schande, das ist unsere Schande.“ Es war üblich, dass man so gesprochen hat.

Wie haben Sie und ihre Familie die weiteren Entwicklungen erlebt?

Wie gesagt, meine Eltern haben mich nach Virovitica geschickt, wo meine Großeltern lebten. Meine Familie hat beschlossen, dass man mich dort nicht kennt und dass es besser ist, wenn ich kein Abzeichen trage. Eines Tages war ich am Weg von der Mühle meines Großvaters nach Hause, als mich zwei deutsche Soldaten angehalten haben und auf meine Brust zeigten. Ich wusste gleich, worum es geht, stellte mich aber unwissend, um etwas Zeit zu gewinnen. Dann fragten sie mich, warum ich keinen Judenstern trage. Ich antwortete auf Deutsch: „Was reden sie da, ich bin doch kein Jude.“ Daraufhin sind sie gleich zur Seite getreten und ich ging ganz selbstsicher vorbei. Danach habe ich mich aber nicht mehr auf die Straße getraut, weil ich Angst hatte, sie wieder zu treffen.

Ansonsten ist alles in Ruhe verlaufen, aber es sah so aus, als habe es keinen Sinn, in Virovitica zu bleiben und meine Eltern entschieden, dass ich nach Hause zurückkommen sollte. In der Zwischenzeit wurden meine Eltern aus unserer Wohnung in einer guten Gegend Zagrebs herausgeschmissen und mein Vater hatte mit viel Mühe eine viel kleinere Wohnung in einer Arbeitergegend gefunden.

Damals war ein Teil der Juden bereits in Lager gebracht worden und mein Vater erzählte mir, dass es eine Möglichkeit gäbe, zu den Italienern zu fliehen. Das war damals noch legal, man konnte zu den Ustascha gehen und sagen, man wolle zu den Italienern gehen. Aber der Vater meines Vaters war über 80 Jahre alt, wir konnten ihn nicht allein lassen und sind deswegen geblieben. Das hätte katastrophal enden können. Es folgten immer wieder Verhaftungen, Einlieferungen in die Lager. Da wusste man schon genau, was los war, über die Gräueltaten in den Lagern, wie man die Leute behandelt hat, dass man sie ermordet hat. Jasenovac war die Hölle, das haben schon alle Juden gewusst. Von Zeit zu Zeit wurde eine Gruppe eingesammelt und jedes Mal bestand die Gefahr, dass wir an der Reihe sind, aber es ist nichts passiert. Manchmal wurden wir gewarnt, wussten von den Aktionen und haben uns versteckt. Mein Vater hat Freunde gehabt, die immer bereit waren, uns aufzunehmen, obwohl das sehr gefährlich war. Bis September 1942, d.h. eineinhalb Jahre, haben wir in Zagreb gelebt, ohne dass jemand uns gesucht hat. Warum, weiß ich nicht. Aber wir waren nicht die einzigen. Mit uns sind in Zagreb noch 2000 von 12000 Juden geblieben.

In der Zwischenzeit hat sich die Lage in Virovitica verschlechtert. Auf einmal kamen die Ustascha nach Virovitica und nahmen ausnahmslos alle Juden mit, auch meine Großeltern. Gerade zu der Zeit kam es zu einem Abkommen zwischen den Deutschen und den Ustascha. Bisher haben alles die Ustascha in ihren Lagern getan, die Deutschen haben sich nicht weiter eingemischt. Jetzt verlangten die Deutschen die Auslieferung der Juden. Die Kroaten waren natürlich einverstanden und zahlten den Deutschen noch für die „Behandlung“, den Transport der Juden nach Auschwitz. Sie haben sie so schnell ausgeliefert, dass auch meine Großeltern, alle meine Verwandten mitgenommen wurden und alle umgekommen sind.

Unsere Lage war zu dieser Zeit auch hoffnungslos, weil in Zagreb gerade eine Einsammlung der Juden stattfand und die wurden auch schon nicht nach Jasenovac, sondern nach Deutschland geschickt. Und wir waren wieder nicht dabei. Aber es war klar, in irgendeiner Welle kommen wir auch dran. Jetzt haben wir alles versucht, um wegzukommen. Unsere Freunde fanden jemanden, der für viel Geld bereit war, uns Papiere zu beschaffen. Zu unserem Glück und zum Unglück unseres Freundes hat er mit den Leuten verhandelt. Er ging die Passierscheine abholen und kam aufgeregt zurück. Er sagte, die Papiere seien vollkommen wertlos und er hätte dem Mann kein Geld gegeben. Mein Vater war außer sich und sagte, er hätte bezahlten müssen. In derselben Nacht hat man ihn und seine Familie verhaftet. Von uns hat man nichts gewusst, sonst wären wir auch draufgegangen. Die Tochter einer befreundeten Familie lernte dann zufällig eine Polizeibeamtin kennen und bat sie um Hilfe. Sie brachte sie gleich zu uns. Als die junge Frau uns sah, bekam sie das Gefühl, dass unser Schicksal in ihren Händen lag. Sie musste etwas machen, hatte aber keinen Zugang zu den Papieren und zum Stempel, was das Wichtigste war. Am Ende ist es ihr mit List gelungen, die Dokumente zu stehlen. Die Unterschrift war aber offensichtlich schlecht gefälscht. Wir waren sehr enttäuscht, aber wir mussten es versuchen, diese Dokumente waren unsere letzte Hoffnung.

Wir bestiegen den Zug, ein Ustascha hat die Papiere untersucht und sagte, alles sei in Ordnung. Wir waren schon in der italienischen Zone und dachten, wir wären schon gerettet, haben uns umarmt und geküsst. Als wir ausgestiegen waren, sagte der italienische Gendarm gleich unsere Papiere seien gefälscht. Als der Gendarm mit den anderen Passagieren fertig war, holte er einen kroatischen Gendarm, der die Papiere ansah und zum Italiener sagte: „Du kannst beruhigt sein, die Papiere sind vollkommen in Ordnung.“ Darauf hin hat er uns laufen lassen. Aufgrund einer Aktion gegen die Partisanen erlaubten uns die Italiener nicht, nach Novi Winodol zu fahren, wo wir hinwollten, sondern brachten uns nach Crikvenica. Auf dem Weg zum Kommandanten sagten uns jüdische Freunde, die wir unterwegs trafen, dass die Italiener ein Abkommen mit den Kroaten geschlossen haben, keine jüdischen Flüchtlinge mehr aufzunehmen. Also waren wir wieder in Gefahr, wir mussten uns als Kroaten ausgeben. Nach dem Ende der Blockade mussten wir wieder unsere gefälschten Papiere vorzeigen, ein General unterschrieb dann glücklicherweise jeden unserer Passierscheine und Wir kamen nach Novi Winodol, wo uns mehr als ein Jahr lang niemand mehr gestört hat.

Die Kroaten verlangten, dass ihnen die Italiener alle Juden übergeben. Also beschlossen die Italiener, ein Lager für Juden zu errichten. Wir waren aber nicht auf der Liste, denn wir galten als Kroaten. Die anderen wurden ins Lager Kraljevica gebracht. Diese italienischen Lager sollten nur vorspielen, dass etwas gegen die Juden unternommen wird. Nach der italienischen Kapitulation waren die Juden frei und wir haben uns alle den Partisanen angeschlossen.

Ich war eine Zeit lang in einer Kampfeinheit, dann bin ich schwer krank geworden. Ich hatte immer weniger Motivation, in der Kampfeinheit zu bleiben. Ich habe den Antisemitismus der Partisanen gesehen und ich wollte mein Leben retten, wenn ich schon so weit gekommen war. Also habe ich eine gebotene Möglichkeit genützt: Ich hatte eine Amateurausbildung als Radiotechniker. Es gab wenige Radiotechniker und in einer Werkstatt wollte man mich aufnehmen, aber als der Kommandant hörte, dass ich Jude bin, hat er gesagt, er braucht keine Juden und lehnte mich ab. In einer anderen Werkstatt hat man mich dann mit Begeisterung aufgenommen und so blieb ich mehr als ein Jahr in einer kleinen Stadt, die mehr oder weniger in Partisanenhand war. Wir sind aus dieser Stadt, Glina, 12 oder 13 Mal geflohen. Meine Eltern hatten dort ein Zimmer und wir haben zusammen gelebt, es war ein El Dorado für diese Zeit.

Nach Kriegsende gingen wir zurück nach Zagreb. Im September konnte ich mich schon an der Technischen Hochschule einschreiben, wo ich bis zum Sommer 1949 studierte. Das Studium habe ich dann nach vielen Verzögerungen in Israel beendet.