Gerhard Scheit

Knurrender Rottweiler, schreiender Hirsch

Über einige Voraussetzungen von Adornos Denken anhand seiner Briefe

Ein Briefwechsel wie der zwischen Adorno und Horkheimer läßt sich auf verschiedene Weise lesen: zum einen als frühe Ausprägung und erste Formulierung der wichtigsten Erkenntnisse kritischer Theorie; zum anderen als Quelle zu Funktionsweise und Struktur einer wissenschaftlichen Organisation; zum dritten als Reflexionen zweier Verfolgter des Naziregimes zur Weltlage wie zur alltäglichen Misere im Exil. Aber es macht den Begriff von Erfahrung aus, den Adorno und Horkheimer selber in ihren Gesprächen und Arbeiten formulierten, daß diese Ebenen doch nicht voneinander zu trennen sind. Und gerade darin ist die Publikation des Briefwechsels, die nun in ihrem ersten Teil vorliegt, nicht zuletzt eine fulminante Abrechnung mit den vielen geistlosen Arbeiten zur sogenannten Frankfurter Schule und ihres Umfelds – von Werner Fulds Benjamin-Buch über Hartmut Scheibles Adorno-Monographie bis zur „Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule“ aus dem Hause Friedrich Tenbruck (s. Konkret 99/09, S. 58). Insbesondere die neueste Biographie über Adorno von Stefan Müller-Doohm erscheint angesichts dieser Briefe wie eine Operette von Lehár („... mußte er selbst noch zu jener Person werden, die außer der Musik und der Philosophie nichts lieber tat als die Hände der Damen zu küssen“; Müller-Doohm über den jungen Adorno) – neben einem Streichquartett von Schönberg („mit der Kraft unserer eigenen ‚transzendenten‘ Einsicht die immanenten Gedankengänge des Feindes so zu operieren, daß sie darüber zerspringen“; Adorno an Horkheimer).

Flüchtlingsgespräche ohne Proletariat

Es sind hier viele Briefe publiziert, die sich in der großen Horkheimer-Ausgabe noch nicht fanden. Durch sie wird zunächst Adornos frühe Einschätzung des Nationalsozialismus deutlicher erkennbar. Deutschland, wohin er von England aus immer wieder reist, beschreibt er als „grauenvoller denn je, das Land ist wirklich bis in den kleinsten Alltag hinein zu einer Hölle geworden“. Von Erfahrungen wird hier zum ersten Mal berichtet, die noch in die späten Vorlesungen und in die Negative Dialektik eingehen sollten. Angesichts der „neuesten Entwicklungen“ – es ist die Zeit nach den Nürnberger Gesetzen – erkennt er endlich die wahre Lage seiner Eltern und seiner Freundin Gretel Karplus, fraglich ist geworden, „ob ihnen auch nur die Möglichkeit bleiben wird, ihr Leben – eine Ghettoleben! - zu fristen. Hitler bekommt alles konzediert und man wird ihm wahrscheinlich am Ende Rußland preisgeben, nur damit er nicht über die anderen Länder herfällt (- und freilich auch, um Rußland definitiv loszuwerden; die Duldung der Hitlerei ist nur durch deren Büttel-Funktion für den Kapitalismus zu erklären.) Und kein Ende abzusehen.“ In Anbetracht der weltpolitischen Konstellation beschwört er Horkheimer – „sei es auch um den schwersten Preis (und niemand kennt ihn besser als ich!)“ – „Disziplin“ zu halten und nichts zu „publizieren, was Rußland zum Schaden ausschlagen kann.“ Immer wieder betont Adorno, daß „die Aussicht auf einen fast sicheren Überfall Deutschlands auf ein isoliertes Rußland“, aber auch, daß „die innere Entwicklung in Rußland, wie sie sich in dem unsäglichen Trotzkistenprozeß und der Urteilsvollstreckung ausdrückt“, ihn wirklich verzweifeln machen. „Es ist keine Phrase, wenn ich ihnen sage, daß ich nicht weiß, wie ich diese Realität länger ertragen soll, es sei denn in der Gemeinschaft mit ihnen.“

Diese Gemeinschaft wird nun immer fester und intensiver. Sie ist es, die Adornos Arbeit beflügelt. Das sticht umso mehr ins Auge, als kurze Zeit davor – zwischen März 1933 und November 1934 – der Kontakt ganz abgerissen war. Adorno hatte damals, die politische Lage völlig verkennend, einige unglückliche Versuche unternommen, als Musikkritiker und -lehrer im Dritten Reich zu überwintern. Durch den Kontakt, den sein Vater seit Herbst 1933 nach Oxford knüpfen konnte, gewann er aber bald eine andere Perspektive, und die im englischen Exil schließlich wiederaufgenommene Verbindung zum längst emigrierten Institut für Sozialforschung konnte zur Grundlage für sein ganzes weiteres Werk werden. In halb ironischen Formulierungen bringt es Adorno selbst immer wieder zum Ausdruck: „wie ein Hirsch nach Wasser“, so schreie seine Seele nach den Gesprächen mit Horkheimer; und es werde nunmehr „ein alter Wunsch“ von ihm erfüllt: der „des Kafkaschen Landvermessers. Und wie froh bin ich, daß das Institut nicht das Schloß ist.“

Der Intrigant als Prototyp des Kritikers?

Adornos Verhältnis zum Institut erinnert wirklich eher an den Helden des bürgerlichen Bildungsromans, an das Verhältnis Wilhelm Meisters etwa zur Turmgesellschaft. Das bürgerliche Ich, das Adorno zur selben Zeit theoretisch in Frage stellt und doch gegenüber dem repressiven Kollektiv verteidigt, erhält Gelegenheit, sich praktisch zu bewähren (auch die zur selben Zeit geregelte Beziehung zu Gretel Karplus mitsamt der traditionellen Arbeitsteilung der Geschlechter gehört zu seiner Konsolidierung): Das Vertrauen, das ihm Horkheimer entgegenbringt, erlaubt es Adorno, in die Institution selbst umsichtig einzugreifen, Entscheidungen zu beeinflussen oder herbeizuführen. Erfolgreich gelingt es dem jungen Mitarbeiter, den Einfluß anderer Aspiranten, die damals um die Gunst Horkheimers konkurrierten, zurückzudrängen. Das Urteil über Marcuse ist zunächst deutlich überzogen („den ich schließlich für einen durch Judentum verhinderten Faszisten halte; denn weder konnte er sich über Herrn Heidegger Illusionen machen, dem er laut dem Vorwort des Hegelbuches alles zu verdanken hat, noch etwa über seinen Verleger, Herrn Klostermann aus dem Tatkreis“) – wird bald viel moderater (Adorno kritisiert mit guten Gründen Marcuses klassizistischen Kunstbegriff, der modernen Kunstwerken nicht gerecht werde) und sucht letztlich einen Ausgleich der Interessen herzustellen; auch bei Löwenthal und Fromm geht es Adorno nicht um Exklusion, sondern um eine Verschiebung der Machtverhältnisse – natürlich zu seinen Gunsten. Dabei setzt er sich aber gerade für die am meisten Gefährdeten und am Rande des Existenzminimum Lebenden ein – Benjamin, Sohn-Rethel, auch Kracauer –, immer danach tastend, wie weit er beim Institutsdirektor Horkheimer in seinem Engagement für diese Outsider gehen kann; beflissen hält er ihm gegenüber das Realitätsprinzip hoch: „Mein Bestreben, fortgeschrittene Intellektuelle heranzuziehen, soll ja schließlich das Institut nicht in ein Narrenhaus verwandeln.“ Adorno setzt sich mit Erfolg für Benjamin ein, ermöglicht ihm über Jahre geistigen Zusammenhang und finanzielle Unterstützung. Alle diesbezüglich (auch von Hannah Arendt) in die Welt gesetzten Gerüchte, Benjamin wäre vom Institut gewissermaßen erpreßt und finanziell ausgehungert worden, sind durch den Briefwechsel endgültig abgetan. Freilich verfolgt Adorno – wie er offen ausspricht – durch die engere Bindung des Freundes ans Institut wiederum das Interesse, den Einfluß zurückdrängen, den Brecht auf Benjamin ausübt – jene von ihm beklagte „allgemeine magnetische Ablenkung“ der Benjaminschen Arbeiten „durch diesen ‚Wilden‘“.

In der Verteidigung der „genialischen Intention“ Sohn-Rethels gegenüber Horkheimers ausgeprägte Zweifel kommen Adornos eigene Intentionen zur Sprache, die während seiner großen erkenntniskritischen Oxforder Arbeit über Husserl aufgetaucht waren: nämlich „die Kantische Deduktion der Kategorien aus der Warenform und ihrer Dialektik abzuleiten“. In diesem Fall jedoch wirbt Adorno vergeblich: Horkheimer bleibt bei seiner ablehnenden Haltung: es fehle Sohn-Rethel der „vom Haß geschärfte Blick auf das Bestehende“; nirgends werde „die eigentümliche Ironie der Marxschen Kategorien wirksam“. Es ist keine Frage, daß die kontinuierliche Beziehung zum Institut, theoretische Konflikte ja nicht ausschließend, Sohn-Rethel eine bessere Entwicklung seiner Gedanken ermöglicht hätte – wie es gerade bei Benjamin zu sehen ist, der sich im übrigen von seiner intensiven Auseinandersetzung mit dem „Wilden“ mitnichten abbringen ließ.

Bemerkenswert an den Aktionen Adornos ist eben, daß es keine bloßen Intrigen sind. Es geht stets um mehr als Machtpositionen. Oder genauer gesagt: weder Adorno noch Horkheimer zeigen sich bereit, den personalpolitischen Kämpfen um Anerkennung die wesentlichen und notwendigen inhaltlichen Kontroversen, ohne die Erkenntnisse nicht möglich sind, zu opfern. Die Kritik, die Adorno hier an Fromm, Marcuse oder Löwenthal übt, ist fast immer essentiell, und es finden sich dabei in bemerkenswert prägnanten Formulierungen bereits die entscheidenden Motive seiner späteren großen Arbeiten zur Soziologie und Psychoanalyse, zur Heidegger- und Positivismus-Kritik, zu Musik und Literatur angeschlagen.

Wie überhaupt die Kontinuität in Adornos Denken etwas Erstaunliches ist: eine einzige Entfaltung, die allerdings darin besteht, immer neue Widersprüche zu den ursprünglichen Intentionen in sich aufzunehmen – und dafür bereitete das Institut den Boden. So entdeckt man in den Briefen bereits seinen Begriff der Revolution: Sie „soll die Angst abschaffen und die Barbarei und wir brauchen uns vor ihr nicht zu fürchten sondern zu fürchten ist das Bestehende“. In allem aber wird deutlich, daß die Erkenntnisse, die Adorno später ausgearbeitet hat, auf die unmittelbare Konfrontation mit der nationalsozialistischen Barbarei zurückgehen. Die totale Ausrichtung auf die Vernichtung, die er hier wahrnimmt, schlägt sich sofort in der Kritik Richard Wagners und Martin Heideggers nieder: an jenem kritisiert er „die Inhaltslosigkeit“ des „Erlösungsbegriffes, der in Wahrheit nichts anderes ist als die Vernichtung“; an diesem das Sein zum Tod, mit dem „die (‚ontische‘) Vernichtung des Daseinenden ... zum (‚ontologischen‘) Sinn des Daseins verklärt“ wird (so Adorno und Horkheimer in ihrem, dem Briefwechsel beigefügten Gutachten über die Dissertation von Dolf Sternberger, die übrigens den ersten großangelegten Versuch einer Heidegger-Kritik darstellt).

Die Briefe und Berichte lesen sich dennoch – oder gerade deshalb –, als wären sie erst vor wenigen Jahren verfaßt. Die kleine Satire in Adornos Bericht von einem Pariser Ästhetikerkongreß trifft den heutigen Zustand der Intellektuellen jedenfalls besser als Brechts Tui-Roman: „Benjamin hörte einen Vortrag über die Ästhetik des Feuer­werks. Dieser Vortrag scheint die Höhe der Verdummung zu markieren, die sich unter Akademikern ergibt, wenn sie up to date sein wollen. Der Vortragende feierte das Feuerwerk (wie die Gartenbaukunst) als besonders charakteristisch für die kol­lektivistische Kunst unserer Zeit. Hauptgrund: daß man im Dunkeln den Mann nicht sähe, der das Feuerwerk abbrennt. Es wäre dem hinzuzufügen, daß zwar während des Ästhetikerkongresses kein Feuerwerk abgebrannt wurde (es sei denn das sonntägliche auf dem Eiffelturm, das aber zum Kongreß in keinerlei Beziehung stand), daß aber trotzdem keinerlei Män­ner sichtbar wurden. Die Kollektivierung scheint weit fortge­schritten.“

Das Institut als Anti-Racket im Zeitalter der Rackets

Es handelte sich bei diesem Institut des Exils um ein durchaus einzigartiges Gebilde. Das Gegenteil dessen, was Horkheimer zur selben Zeit als paradigmatische Form politischer Macht in der Gegenwart analysiert: das Racket. „Die völlige Brechung der Persönlichkeit wird verlangt, absolut bündige Garantien der künftigen Zuverlässigkeit. Das Individuum muß sich aller Macht begeben, die Brücken hinter sich abbrechen. Als der echte Leviathan fordert das Racket den rückhaltlosen Gesellschaftsvertrag.“ Das Institut ist ein Verband, der darauf baut, daß der einzelne den Rückhalt nicht verliert, sich nicht aller Macht als einzelner begibt, und wenn auch selbst nicht ungebrochen, so doch dem Kollektiv keine völlige Brechung seiner Persönlichkeit zugesteht. Dadurch wird es möglich, so vielen und so unterschiedlichen kritischen Schriftstellern in kleinerer oder größerer Distanz zur Institutsleitung Wirkungsmöglichkeiten zu eröffnen, ohne die Widersprüche, die sich daraus ergeben, systematisch zu eliminieren.

Dennoch zeigt der Briefwechsel, daß das Institut, so viele es auch unterstützen konnte, sei’s bei der Arbeit, sei’s bereits bei der Flucht aus Deutschland (wie etwa im Fall des Fritz Moritz Rabinowitsch, dessen Rettung dokumentiert wird), zugleich – und nicht zuletzt unter dem Druck der Umstände des Exils – auf persönliche Abhängigkeitsverhältnisse bauen mußte. Adorno spricht diese Nähe zum Racket indirekt und mit merkwürdiger Ironie an, wenn er Horkheimer versichert, es werde in Paris keine Abmachung zwischen Benjamin und möglichen französischen Mitarbeitern geben, „ohne daß ich als Rottweiler knurrend darüber wachte“. An andere Stelle heißt es im selben Sinn, „es soll da an meiner bewährten Brutalität nicht fehlen.“

Das Institut konnte niemandem ein richtiges Leben im falschen bieten. Es war schon gar kein „Grand Hotel Abgrund“ (Georg Lukács). Aber gegenüber den zeitgemäßen Rackets des Faschismus, des Nationalsozialismus und des Stalinismus erscheint dieses einzigartige Anti-Racket geradezu wie eine liberale jüdische Gemeinde gegenüber der Inquisition: es verlangt vom einzelnen nicht das Opfer. „Und wenn ich nur eines noch ihnen nennen darf“, schreibt Adorno an Horkheimer, „wofür ich aufs tiefste dankbar bin, dann ist es dies: daß ein Schriftsteller meiner Art, der die tiefste Einsamkeit und die prinzipielle Unmöglichkeit, das was er denkt und sagt, je einzufügen sich zum a priori gemacht hat, nun plötzlich sich voll und real in eine bestehende und gute Kollektivität eingefügt sieht, ohne daß er sich darum ‚einfügen‘ müßte.“ Allerdings sieht sich Horkheimer im folgenden veranlaßt, möglichen Illusionen vom „guten Kollektiv“ entgegenzutreten und wendet ein, „daß Ihr Leben auch weiterhin die Existenz eines selbständigen Theoretikers sein soll, der versuchen muß, sich so gut wie möglich durchzusetzen.“

Vorzüglich ist die Kommentierung des Bandes durch die Herausgeber Christoph Gödde und Henri Lonitz. Vor kurzem ist übrigens auch Adornos Vorlesung über Negative Dialektik (in der Reihe der Nachgelassenen Schriften) erschienen – und es gehört noch zur List von Adornos negativ dialektischer Vernunft, daß eine einzige kleine Anmerkung von Rolf Tiedemann zu diesen Fragmenten – von ihnen selbst ganz zu schweigen – mehr Gedanken enthält als die vollständig ausgearbeitete Theorie von Habermas. So wie ein einzelner Brief an Horkheimer besser von den Widersprüchen in Adornos Leben erzählen kann als das ganze Geschwätz der Biographen, die sich etwas darauf einbilden, ihn noch im Hörsaal erlebt zu haben.

zuerst erschienen in konkret 9/2003


  • Theodor W. Adorno / Max Horkheimer: Briefwechsel 1927-1969. Bd. I: 1927-1937. Hrsg. v. Christoph Gödde und Henri Lonitz. (Theodor W. Adorno: Briefe und Briefwechsel. Hrsg. v. Theodor W. Adorno Archiv. Bd. 4) Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003. 608 S.
  • Stefan Müller-Doohm: Adorno. Eine Biographie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003. Etwa 24 S. Abbildungen. Ca. 1032 S.
  • Theodor W. Adorno: Vorlesung über Negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66. Hrsg. v. Rolf Tiedemann. (Theodor W. Adorno Nachgelassene Schriften. Hrsg. v. Theodor W. Adorno Archiv. Abteilung IV: Vorlesungen Bd. 16) Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003. 358 S.