Lutz Holzinger

Kann man sich die Frage nach der Wahrheit sparen?

Zusammengestellt aus Interviews mit den beiden grundverschiedenen US-amerikanischen Linken Murray Bookchin und Richard Rorty.

Eigenschaften wie der Hang zur Differenzierung gehören zu den Produkten der bürgerlichen Ideologie, vor denen auch die Linke nicht gefeit ist. In sehr vielen Fällen suchen insbesondere organisatorisch verfestigte Gruppierungen in der Diskussion keineswegs Gemeinsamkeiten. Vielmehr sind sie bestrebt, Trennendes herauszustellen. Diese Haltung gilt es zu überwinden, wenn an der Vermutung etwas dran ist, eine fortschrittliche Wende in Theorie und Praxis sei nur durch das produktive Zusammenwirken aller Linken zu erreichen. Dieser Standpunkt wird zwar immer wieder geäußert, aber kaum beherzigt. Daher erscheint es zweckmäßig, linke Positionen aus verschiedensten Bereichen und Ecken zur Diskussion zu stellen. Das soll künftig in der losen Serie mit dem Titel „Linke Listen“ unabhängig davon geschehen, ob die Redaktion von »Weg und Ziel« mit den jeweils geäußerten Ansichten und Positionen übereinstimmt oder nicht.

In der ersten Lieferung entsprechender Dossiers, die der Linken zu insgesamt listigerem Vorgehen verhelfen sollen, kommen die beiden auf höchst unterschiedliche Weise fortschrittlich eingestellten US-Bürger Murray Bookchin und Richard Rorty zu Wort. Äußerst disparat sind auch die Medien, in denen wir die Interviews mit den beiden Persönlichkeiten gefunden haben. Murray Bookchin wurde von Jutta Ditfurth und Manfred Zieran befragt; der Text erschien in »Ökolinx«, Nummer 26, Sommer 1997. Das Interview mit Richard Rorty wurde von Jörg Lau und Thomas Assheuer geführt; es erschien in der »Zeit«, Nummer 30/1997, wo der Philosoph an die Seite von Jaques Derrida und Jürgen Habermas gestellt wurde. Das hindert uns nicht daran, auch ihm zuzuhören.

Im Interview mit dem libertären Kommunisten und sozialen Anarchisten Murray Bookchin in »Ökolinx« geht es über weite Strecken darum, Noam Chomsky zu prügeln. Dem prominenten Intellektuellen und führenden Gegner der US-Kriegsführung in Vietnam wird vorgeworfen, in die sozialdemokratische US-Organisation DAS eingetreten zu sein. Bookchin nimmt die Gelegenheit wahr, um auch seine eigenen politischen Positionen zu markieren. Nicht die Polemik gegen Chomsky, sondern die Darstellung dieser Sicht interessiert an den Ausführungen des amerikanischen Linken mit anarchistischem Background.

Aussagen über die Zukunft

Um von vornherein den Einwand zu entkräften, daß es hier um die Bildung von Einheit um jeden Preis gehe, steigen wir mit folgender Passage in die Äußerungen Bookchins ein: „Die gegenwärtige Periode, mit ihren verlogenen Appellen an ,Konsens‘ und ,Einheit‘ und ihrer Mißachtung von grundlegenden Widersprüchen, ist genau eine Zeit, in der Theorie eine Frage von Leben und Tod für die Integrität, für das Überleben einer wahrhaft revolutionären Bewegung ist. Wenn ich eines aus den Jahrzehnten einer linksradikalen Praxis gelernt habe, bis zurück zu meinen Aktivitäten in der Arbeiterbewegung, der Solidaritätsarbeit für die Spanische Revolution, meinen Anstrengungen in den Dreißigerjahren, Erwerbslose zu organisieren, und später während der Kriegsjahre als Gegner einer Stillhaltepolitik, die auf Streiks verzichtete, bis hin zu meinen Antiatomwaffen-, Umwelt-, Bürgerrechts- und Anti-Akw-Aktivitäten in den 1950ern und 1960ern, dann ist es die zwingende Tatsache, daß ich nie eine revolutionäre Praxis bewahrt oder entwickelt hätte, ohne meine Kenntnisse der revolutionären Theorie weiterzuentwickeln und zu erweitern. Es ist diese theoretische Basis, die mir die Orientierung bewahrt und die Fähigkeit verschafft hat, oft unglaublich schwierige Perioden zu begreifen, die ich erlebt habe. Sie erlaubte, in jeder Periode angemessen zu agieren und — das ist das wichtigste — fähig zu sein, hinter einem scheinbar unveränderlichen, gegebenen Zustand Aussagen über die Zukunft zu machen. (...)

Wenn ich auf meine sechzig Jahre als Linksradikaler zurückblicke, möchte ich bescheiden sagen, daß ich ohne Theorie alle meine Positionen schon längst aufgegeben hätte. Was mich Theorie gelehrt hat, über Jahrzehnte des Studiums und der Aktion, ist, daß der Staat keine neutrale Ansammlung von Institutionen ist, die man für gute oder schlechte Ziele nutzen kann, je nach jemandes Laune oder Sichtweise. Der Staat ist ein Produkt einer langen sozialen Geschichte, in der seine Funktion, seine Bedeutung, darin bestand, das Gewaltmonopol zu erringen, um die Klassenherrschaft zu sichern. Mit anderen Worten, er ist das Produkt ganz bestimmter sozialer Beziehungen und seine Abschaffung war für alle größeren sozialistischen Bewegungen zwingend.

Bakunin forderte seine sofortige Überwindung nach einer Revolution, Marx hoffte, daß er mit der Zerstörung der Bourgeoisie verschwinden würde. Wenn die grundlegende anarchistische Theorie korrekt ist, dann gehört zum Staat auch sein unkontrollierbares Wesenselement. Der moderne Staat handelt nicht nur im Interesse der herrschenden Klasse, sondern er hat eine Tendenz, Selbstzweck zu werden.“ Bookchin verweist in dem Zusammenhang auf die Entwicklung der Sowjetunion unter Stalin und die Rolle des Staats in einigen imperialen Gesellschaften der Antike. „Gerade der Hang des bürgerlichen Staates zum Selbstzweck erklärt vor allem die periodischen Bemühungen der herrschenden Klasse, Maßnahmen zu Entbürokratisierung und Entstaatlichung zu setzen. Ziel dieser Anstrengungen ist es nicht, den Staat über den Haufen zu werfen. Vielmehr soll er dadurch funktionsfähig erhalten werden.“

Richard Stutting, Steve Gruver, 1979

Verknüpfung hat gefehlt

In Anspielung auf die Bereitschaft Chomskys mit, wie er schreibt, „bekennenden Demokraten zu kooperieren“, führt Bookchin weiter aus: „Es überrascht nicht, daß, wer den Glauben an Anarchismus und Sozialismus in eine ,visionäre‘ Zukunft verweist, frei ist, alle Arten von opportunistischen Kompromissen in der Gegenwart einzugehen. Ich habe das in der Vergangenheit zu oft erlebt, um es in der Gegenwart übersehen zu können, und der Vorwurf des ,doktrinären Sektierertums‘ schreckt mich nicht. Diese Phrase wurde immer und immer wieder verwendet, oft von Leuten, die sich später in das System als Akademiker, Geschäftsleute oder Staatsbeamte integrierten. Der Appell an den Pragmatismus ist eine der gewöhnlichsten historischen Techniken, um grundsätzliche Positionen aufzugeben und die eigenen ‚Visionen‘ den ,Zielen‘ vollständig zu unterwerfen. (...)

Die US-amerikanische Neue Linke versäumte es, aufzuzeigen, wie die verschiedenen Fragen, mit denen sie sich befaßte, miteinander verknüpft waren. Tausende von Menschen waren vor allem mit voneinander separierten Themen beschäftigt; sie opponierten gegen den Vietnamkrieg, gegen Rassismus, gegen das Patriarchat, gegen die Umweltzerstörung und so weiter, behandelten aber jedes Thema als eigenes, beinahe isoliertes Problem. Nur in seltenen Ausnahmefällen verstanden sie, daß diese Fragen ihren gemeinsamen Ursprung in der kapitalistischen Entwicklung hatten. Die meisten blickten verächtlich auf theoretische Ansätze, die notwendig gewesen wären, um die einzelnen Themen als Teil eines Ganzen zu begreifen: Der Kapitalismus hätte als Ganzes herausgefordert werden müssen.

Insofern war es nicht überraschend, daß die Neue Linke zerfiel, als der Vietnamkrieg vorbei war. Einige, die ihre Gesinnung mehr auf Intuition als auf theoretisches Verständnis stützen, hatten erwartet, daß sich eine Revolution praktisch über Nacht ereignen würde, obwohl ihre Vorstellungen von dem, was sein würde oder erreicht werden könnte, unglaublich unklar waren. Natürlich gab es keine Revolution. Und weil es 1968 bis 1970 keine theoretische Analyse des existierenden Zustands des Kapitalismus gab, die darüber aufgeklärt hätte, daß die USA in keiner Weise mit einer revolutionären Situation konfrontiert war, verzweifelten die meisten rasch und tief. Viele verließen die Bewegung schnell, auch weil diese es versäumt hatte, sie zu schulen. Andere kapierten nicht, daß es immer noch notwendig war, das Bewußtsein der US-AmerikanerInnen massiv zu verändern, die sie ironischerweise als SpießbürgerInnen verachteten. In Wahrheit hatten sie selbst überhaupt kein klares Bewußtsein. (...)

Ohne Theorie sind die Leute gezwungen, sich in isolierten und oft privatistischen Kämpfen zu verschleißen, die wenn überhaupt, nur zu bruchstückhaften Lösungen führen, wenn man sie so nennen kann. Sie erschöpfen sich selbst, indem sie Fliegen fangen, statt die Ursachen ihrer Probleme zu bekämpfen. Mit dem Ergebnis, daß sie sich in vielen Fällen und aus gutem Grund völlig machtlos fühlen und demoralisiert werden.“

Kommunalismus als Ausweg

An einer anderen Stelle des Interviews kommt Bookchin auf den Antiintellektualismus in den USA zu sprechen, den er als kontraproduktiv für die Entwicklung einer „umfassenden und revolutionären Theorie“ hält. Weiter heißt es wörtlich: „Was derzeit in dieser Alice-im-Wunderland-Welt oder in diesem politischen Disneyland vorherrscht, ist die vor allem von der ‚linken‘ Professorenschaft verbreitete Ansicht, daß es bei politischen Debatten nicht um eine Auseinandersetzung geht, sondern um einen Diskurs. Wir sollen verhandeln, nicht streiten. Wir sollen betonen, was wir gemeinsam haben und nicht die vorhandenen Unterschiede, die schnell — und zu recht! — zu heftigen Auseinandersetzungen führen können. Analog zu dieser Art von Mist läuft der Mythos von der Klassenkollaboration: ArbeiterInnen und KapitalistInnen sollen erkennen, was sie gemeinsam haben!“

Gegen Ende des Gesprächs formuliert der US-Linke folgende Orientierung: „Wir müssen, denke ich, die Basis für ein linkes Bündnis schaffen, eines das international ist, um uns gegenüber der Globalisierung verhalten zu können, welche typisch für die gegenwärtige kapitalistische Phase ist. Selbstverständlich beginnt jede Bewegung auf einer niedrigen Stufe, etwa mit Diskussionszirkeln, so wie viele revolutionäre Bewegungen in der Vergangenheit auch. So eine Bewegung muß auf einer Theorie begründet werden, die in der Lage ist, die Wirklichkeit und den Verlauf der existierenden Gesellschaft zu erklären.

Jede neue linke Theorie, die etwas wert ist, muß aus dem Anarchismus und aus den besten Arbeiten von Marx schöpfen, davon bin ich überzeugt. Sie muß sozialistisch sein, wie Kropotkin in seinem berühmten Artikel in der Encyclopedia Britannica betont hat.

Damit kein Mißverständnis über das Wort sozialistisch entsteht, möchte ich betonen, daß ich den Begriff nicht so verstehe wie die Sozialdemokraten. Ich meine sozialistisch als Gegenteil von individualistisch. Ein libertärer Linker muß sich dem Liberalismus widersetzen.“ und statt dessen „eine neue Politik entwickeln — wobei ich das Wort Politik nicht im parlamentarischen oder staatlichen Sinn meine, sondern als Selbstverwaltung der Polis oder der Gemeinde im ursprünglichen griechischen Sinn. Ich nenne eine solche Politik libertären Munizipalismus oder, in der Sprache des 19. Jahrhunderts, die ‚Kommune der Kommunen‘, das heißt den Zusammenschluß von Kommunen auf regionaler und nationaler Ebene. Ein anderer Begriff, den ich teilweise passend finde, ist Kommunalismus, ein Begriff, der aus den Hoffnungen der Pariser KommunardInnen von 1871 stammt.“ Bookchin unterstrich, „nicht für Parlamentarismus zu plädieren“. Es gehe darum, „eine Doppelmacht gegen den Staat aufzubauen, die sich auf öffentliche Versammlungen und konföderierte Räte stützt“. Zu schaffen sei „eine gut ausgebildete, theoretisch geschulte Linke, die über die älteren linken Ideologien hinausgeht, ohne deren wertvolle Bestandteile zu verwerfen. Und vor allem soll es eine revolutionäre Linke sein, eine die sich nicht davor fürchtet, gegen den Strom zu schwimmen und in der Minderheit zu sein. Denn sie muß sich von der Wahrheit und der Rationalität leiten lassen und nicht von kurzatmigen Themen, mit denen sich leicht manipulierbare UnterstützerInnen gewinnen lassen.“

So ehrenwert die Haltung von Murray Bookchin erscheint, so wenig konkret sind die Wege, die er aus dem Dilemma weist, in dem die Linke offenkundig steckt. Auf die Dauer reicht es nicht aus, gegen den Strom zu schwimmen und in einer Minderheitenposition zu verharren, sofern man sich nicht grundsätzlich auf die äußerst sympathische Haltung einigt, daß diese Position nicht nur den Weg, sondern auch das Ziel linker Politik darstellt.

Richard Rorty sieht einen fundamentalen Unterschied zwischen der US-amerikanischen und der europäischen Linken. Im Interview mit der »Zeit« (Titel: „Laßt uns das Thema wechseln“) sagte er: „Die LinksRechts-Unterscheidung bedeutet im Kern Arm gegen Reich, und in diesem Sinn wird es auch weiterhin einen Kampf Links gegen Rechts geben. Jedenfalls sieht es derzeit nicht so aus, als könnte dieses Schema bald obsolet werden. In Europa beobachte ich eine breite ökonomische Debatte darüber, wie viele Jobs man zu welchen Lohnbedingungen schaffen kann, ohne im Wettbewerb zurückzufallen. In Amerika hingegen scheint es, als hätten sich die Linke und die Rechte verschworen, über kulturelle statt ökonomische Fragen zu streiten.“

Donnie Dope, 1968

Kulturelle Linke

Das ist mit ein Grund, weshalb Rorty den Ausdruck „kulturelle Linke“ vom afroamerikanischen Philosophen Henry Louis Gates übernommen hat: Er wird folgendermaßen definiert: „Gates will damit eine heterogene Szene von Protestbewegungen an den Universitäten auf eine Nenner bringen — Feministinnen, Homosexuelle, Schwarze, Hispanoamerikaner und so weiter. Die kulturelle Linke ist eine informelle Allianz von Minderheitengruppen. Diese Bewegungen sprechen sehr differenziert über Rasse, Ethnie und Geschlecht, aber über die Armen haben sie wenig zu sagen.“

Diese fast ausschließlich an den Universitäten existente Linke ist laut Rorty stark von Foucault beeinflußt. Weiter sagte er: „Foucaults Verdacht gegen jede denkbare Institution ist zum Grundsentiment der Studenten geworden. Das setzt die Einstellung der Revolutionäre der sechziger Jahre fort: Das System ist zutiefst korrupt. Unsere kulturelle Linke betreibt, angeregt von Foucaults Analysen, eine Politik des Verdachts statt eines politischen Projekts. Damit Sie mich nicht mißverstehen: Ich glaube, diese Bewegungen haben eine Menge Gutes bewirkt. Die Situation für Frauen, Homosexuelle, Afroamerikaner hat sich durch den Erfolg der kulturellen Linken sehr verbessert, aber die wirtschaftliche Ungleichheit in unserer Gesellschaft nimmt immer extremere Formen an. Wohin das Land steuert, wird sich auf dem Feld der Ökonomie entscheiden. Es ist eine sehr heikle Angelegenheit, daß wir nun jenen verdienstvollen Leuten, die ihr politisches Leben der Minderheitenpolitik gewidmet haben, sagen müssen: macht mal Pause. Interessiert euch jetzt bitte wieder für die Probleme weißer heterosexueller Männer, die keine Arbeit finden und ihre Familie nicht versorgen können. Arme weiße Heterosexuelle interessieren sich nicht für die theoretischen Haarspaltereien der Mittelschichtintellektuellen der kulturellen Linken.“

Für den Eigenbedarf in den USA zeigt Rorty sich davon überzeugt, daß „der einzige Weg zu einer Wiederbelebung der Linken“ darin bestehe, „zur Rhetorik des amerikanischen Traums, des Traums von der Chancengleichheit, den Lincoln, Roosevelt und Martin Luther King geträumt haben und der täglich verraten wird,“ zurückzukehren. Dazu erläuterte er: „Früher nannten sich sozialdemokratisch gesinnte Abgeordnete vom linken Flügel der Demokraten ,liberals‘. Niemand würde das heute noch wagen. Den Rechten ist ein phantastischer rhetorischer Sieg gelungen, indem sie liberale Politik mit dem Mangel an Moral, mit Frivolität und Leichtsinnigkeit assoziiert haben. Es kommt einem politischen Selbstmord gleich, sich in dieser Atmosphäre in die Tradition des Liberalismus (wie er in den USA verstanden wird — L.H.) zu stellen. Die kulturelle Linke, wie ich sie nenne, hat leider bei dieser Diskreditierung mitgeholfen. Sie hat den Eindruck erweckt, als gebe es keine dritte Position zwischen entschiedener Systemfeindschaft und wehrloser Vereinnahmung.“

Auf die Frage, ob die Postmoderne den Sinn für praktische Politik zerstört habe, sagte Rorty: „Nein, sehen Sie: Denkern wie Michel Foucault, Jaques Derrida oder Slavoj Zizek geht es immer darum, die Unmöglichkeit und Selbstwidersprüchlichkeit unserer Vorstellungen von Gerechtigkeit, Freiheit und Fortschritt hervorzuheben. Wenn man das Politische in deren Termini beschreibt, dann wird es schwierig, für oder wider dieses oder jenes Gesetz einzutreten oder einfach festzustellen, daß die Einkommensgrenzen für Sozialhilfe zu hoch sind. Für solche politischen Erwägungen lassen diese Theorien keinen Raum.“

Keine „letzten Gründe“

Zur Überwindung dieses Dilemmas schlägt Rorty folgendes vor: „Man sollte eine Geschichte über den politischen Fortschritt erzählen und eine andere über den philosophischen Fortschritt. Es mag sein, daß sich die Unmöglichkeit der theoretischen Begründung der liberalen Demokratie erwiesen hat, worauf uns ihre postmodernen Kritiker immer wieder hingewiesen haben. Mag sein, daß wir keine plausible Letztbegründung für unsere politischen Hoffnungen finden können. Das ist aber kein Grund, diese Hoffnungen fahren zu lassen. Wir sollten statt dessen die philosophische Theorie des Politischen in den privaten Bereich verbannen und nicht zulassen, daß sie unser Gefühl für öffentliche Verantwortung beeinflußt. Wir müssen uns zwar mit unseren Mitbürgern immer neu einig werden über jene Geschichte vom politischen Fortschritt, die wir erzählen wollen. Einigkeit über die philosophische Einstellung ist jedoch ebenso unnötig wie Einigkeit über den religiösen Glauben. Das politische Projekt der Aufklärung besteht — extrem vereinfacht gesagt — darin, möglichst allen Kindern gleiche Chancen zu bieten, aus ihrem Leben etwas zu machen. Zwischen 1900 und 1965 hat Amerika große Fortschritte darin gemacht. Seit den siebziger Jahren jedoch ist die Chancengleichheit dramatisch zurückgegangen. Eine deprimierende Statistik besagt, daß 1975 Kinder aus Familien des oberen Viertels der Gesellschaft viermal so große Chancen hatten, einen Collegeabschluß zu erreichen wie Kinder des unteren Viertels der Gesellschaft. Heute sind ihre Chancen zehnmal so groß. Das hätte Protest provozieren müssen. Aber der Protest ist ausgeblieben.“

Don Kay, 1968

In dem Zusammenhang empfiehlt der US-Professor, sich an Realitäten zu halten und nicht Phantasmagorien wie einer Wahrheit nachzulaufen: „Das Projekt der Aufklärung besagte: Wahrheit, Vernunft und sogar die Natur sind auf der Seite der Armen gegen die Reichen, der Unterdrückten gegen die Unterdrücker. Ich halte dagegen, daß gar nichts auf der Seite der Unterdrückten steht. Es gibt keine quasigöttliche Sache wie Wahrheit, Vernunft oder Natur, die für die Guten ist. Das Schicksal der Unterdrückten hängt ganz und gar von der Stärke unserer politischen Initiativen ab. Wenn man nur immer wieder von Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Einkommensunterschieden, Fairneß und dergleichen redet, dann kann man sich die Fragen, was wahr, was vernünftig, was natürlich ist, einfach ersparen.“ Zu dieser bemerkenswerten Haltung führte Rorty zum Abschluß des Gesprächs weiter aus: „Im 17. Jahrhundert war es noch nahezu unmöglich, ein Philosoph zu sein, ohne bestimmte Meinungen zu haben über die Natur Gottes, sein Verhältnis zur Kirche, über Vernunft beziehungsweise Offenbarung als Mittel des Zugangs zu Gott und so weiter. Die Aufklärung hat hier eine Wende vollzogen: Laßt uns diese Frage einfach vergessen, laßt uns das Thema wechseln, und laßt uns Gott aus dem Spiel lassen, damit wir endlich weiterkommen. Ich möchte vorschlagen, daß wir mit der Philosophie das tun, was die Aufklärer mit der Religion getan haben. Die Frage etwa, ob es sinnvoll ist, zwischen Sein und Schein zu unterscheiden, kann man getrost Leuten überlassen, denen diese Art von Fragen wichtig ist, ganz wie theologische Dispute den Theologen überlassen worden sind. Für unsere politischen Erwägungen ist dergleichen vollkommen irrelevant.“