Tusia Herzberg

Jüdinnen im Widerstand

Bericht einer Überlebenden

Ihre Lebens- und Widerstandgeschichte erzählte Tusia Herzberg beim Symposium „Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“, das in Wien im Jänner 2004 von Licra Österreich, der Theodor Kramer Gesellschaft und Context XXI veranstaltet wurde.

Als ich von diesem Symposion erfuhr, war ich tief beeindruckt, dass Europas Intellektuelle Interesse für den jüdischen Widerstand zeigen.

Dante, der größte Dichter und Vater der italienischen Dichtung, hat über die Hölle geschrieben. Seine Hölle war eine Phantasie, eine Metapher. Für das europäische Judentum jedoch war die Hölle eine Wirklichkeit, eine tragische Wirklichkeit. Eigentlich war das kein Krieg; ein Krieg findet zwischen gut bewaffnetem Militär statt, dies aber war ein reiner Mord an unbewaffneten, hilflosen und unschuldigen EinwohnerInnen.

Nach dem Kriege hat man uns immer wieder gefragt: Warum habt ihr nicht gekämpft? Zu wenig war bekannt, dass fast in jeder Stadt, groß und klein, junge Jüdinnen und Juden versuchten sich zu rächen, zu kämpfen, obgleich es aussichtslos war. Auch in unserer Gegend, dem polnischen Oberschlesien, gab es solche „verrückte Kämpfer“, so habe ich sie in meinem Buch „Der lachende Sand“ genannt:

Sie kämpften, weil ihre Selbstachtung es so verlangte.
Verrückt!
Sie kämpften ohne Waffe.
Sie beschafften sich Waffen – ohne Geld.
Sie suchten Unterkunft in einer feindlichen Umgebung.
Sie übergaben ihr Schicksal ihrem glücklichen Stern.
Aber die meisten waren dem Untergang geweiht

Auch mein 13-jähriger Bruder Alex, das Baby der Familie, war ein „verrückter Kämpfer“. Eines Tages brachte er einen Revolver nach Hause. Er übergab ihn unserer Mutter und sagte stolz: „Ich habe ihn für meine Uhr bekommen. Bitte verwahre ihn an einem sicheren Platz. Das ist die erste Waffe in unserem Widerstand.“

Mutti nahm den verräterischen Stahl aus seinen Händen und so machte sie die Gefahr zu ihrer eigenen. Vorsichtig, mit mütterlicher Sorgfalt, wickelte sie die Waffe in ein weiches Tuch. Sie war beruhigt. Die Bürde des Risikos war jetzt die ihre. Und in dem Augenblick wurde sie zu einer Frau im Widerstand. Sie war nicht die Einzige.

Ebenso Harrys Mutter. Harry wurde verhaftet als er ausging, um von Deutschen Gewehre zu stehlen. Deutsche brachten seine Mutter dorthin. Ihre erschrockenen Augen sahen ihren gekreuzigten Sohn. Die Mutter fiel vor ihren Sohn und flehte ihn an: „Erleichtere Deine Qualen, sag wer Deine Freunde sind und Du wirst leben und auch wir werden leben.“ Harry sah seine arme Mutter lange schweigend an. Dann sagte er mit ruhiger, aber sicherer Stimme: „Nein Mutter, ich werde kein Wort sagen.“

Und Harrys Mutter schwieg auch und verriet seine FreundInnen nicht. Auch sie war eine Frau im Widerstand. Harry war in Wien geboren und erzogen. Gekreuzigter Harry. Und ebenso gab es Mütter, deren Haus offen für gesuchte Jungen war, ohne Rücksicht auf ihre eigene Gefahr. Einige Mütter, die korpulent waren, haben auf ihrer Brust eine Waffe getragen.

Die Reisen der Burschen mit dem Zug in verschiedene Städte, um Waffen zu beschaffen, waren gefährlich, weil junge Männer bei der Polizei in Verdacht kamen. So gingen immer mehr Mädchen, die nicht auffallend waren, auf die Reise. Zwar gelang es ihnen, Waffen zu bringen, doch einige wurden unterwegs verhaftet und getötet, leider. Doch es gab auch einen Kampf ohne Gewehr: Die christlichen Dokumente waren unsere Waffen. Die Mädchen begannen unermüdlich an der Herstellung falscher Dokumente zu arbeiten. Das war ein Teil des Plans zur Flucht ins Gebirge und über die Grenze in die Slowakei und weiter. Jakobs Mutter und eines der Mädchen erboten sich freiwillig, diesen mühseligen Weg, der uns nicht bekannt war, für uns zu erkunden. In großer Spannung und Angst warteten wir, von denen zu hören. Endlich kam die Nachricht: „Hier ist ein Paradies.“ In kleinen Gruppen machten wir uns über die Grenze und gelangten in die Slowakei.

Ein Teil der Leute ist nach Österreich gefahren, wo sie auf Grund ihrer christlichen Dokumente vom Arbeitsamt Arbeit bekamen. Die Lebensbedingungen waren sehr schwer. Einmal ist Ruth auf der Straße einem Freund begegnet und sie hat sich beklagt, dass ihr sehr kalt sei. Daraufhin hat der Freund ihr seine warmen Handschuhe gegeben und sie sagte mit großer Freude: „Wunderbar, ich werde einen Handschuh der Karola geben.“

Diese Episode zeugt von dem Elend dieser Zeit aber auch von der Solidarität unter den FreundInnen.

Die zweite Gruppe ist durch die Slowakei nach Budapest gefahren. Ich war in der ersten kleinen Gruppe, die in Budapest im Jahre 1943 ankam. In Budapest schien der Krieg fern. Unser Ziel war es, Juden und Jüdinnen über die kommende Gefahr zu warnen. Während die Älteren nicht davon hören wollten, fanden wir bei der Zionistischen Jugend Gehör. Es wurde ein gemeinsames Trainingslager errichtet, in dem unsere Burschen den ungarischen Jugendlichen den Gebrauch von Waffen beibrachten, und wir, die Mädchen, Erste Hilfe und die Herstellung falscher Dokumente lehrten.

Unsere gemeinsame Sprache – Ironie des Schicksals – war die Sprache des Feindes. Deutsch! Im März 1944 marschierten die Deutschen in Ungarn ein. Viele Burschen und Mädchen wurden verhaftet. Es gelang einer Gruppe von sieben Mädchen und Burschen aus dem Gefängnis zu fliehen. Sie ließen sich an Seilen aus dem Gefängnis hinunter. Drei Burschen warteten im Vorhof des Gefängnisses, Mädchen warteten draußen auf der Straße und brachten die Geflohenen in vorbereitete Bunker und versorgten sie dort. Am nächsten Tag konnte man in den Zeitungen über die Flüchtlinge lesen, deren einziges Verbrechen war, als Juden und Jüdinnen geboren zu sein.

Als wir nach Ungarn kamen, haben wir beschlossen: Wir sind keine Flüchtlinge, wir sind KämpferInnen, die das Kampffeld bloß gewechselt haben.

Unser Streben war: Rache für den Mord unserer Familien zu nehmen und die Lebendigen zu beschützen.

In Ungarn wurde es immer schlimmer und wir beschlossen, nach Rumänien zu fahren in der Hoffnung, einen Weg nach Israel, unseren Lebenstraum, zu finden.

Ein tüchtiger Freund, Pinek, war für diese Aktion verantwortlich, obwohl er weder Ungarisch noch Rumänisch sprach. Ein ungarischer Freund, Pizi, und einige Mädchen waren auch dabei. Wahrend die Züge in Europa Juden und Jüdinnen zum grausamen Tod brachten , haben wir Juden und Jüdinnen nach Israel geschickt.

Aber trotz aller Vorsicht hat man viele Leute auf der Grenze verhaftet und nach Budapest ins Gefängnis gebracht.

Bei der Gelegenheit möchte ich zwei Wienerinnen nennen, die auch als Frauen im Widerstand waren: Frau Hedwig Gertner, ihr Andenken soll gesegnet sein, hat sich große Mühe gegeben, um eine Gruppe unserer FreundInnen zu befreien, und Frau Eda Krumholz, eine Freundin in unsere Gruppe.

Ich selbst war verantwortlich für die Hilfe und Bemühung, die Leute zu befreien. Dies hat Vorsicht verlangt und war mit großer Spannung verbunden. Trotzdem ist es uns gelungen, einige Gruppen und einzelne FreundInnen zu befreien. Leider nicht alle.

In Rahmen meiner Aufgabe habe ich einige Male die FreundInnen im Gefängnis besucht, obwohl ich auch gesucht wurde: Zwei Burschen und ein Mädchen wurden zum Tode verurteilt und hatten schreckliche Lebensbedingungen . Sie bekamen kein Essen und tranken täglich einige Gläser Wasser mit Salz.

Eines Tages habe ich mich als Schwester des Roten Kreuzes im Gefängnis angemeldet um die polnische Arrestierte zu besuchen. Das Ziel der grausamen Qualen waren die Namen von anderen FreundInnen, die zusammen gekämpft hatten, zu bekommen. Das Mädchen, Danka, hat die schwerste Folter bekommen. Sie hing mit den Füssen nach oben und dem Kopf nach unten. Trotzdem hat sie kein Wort gesagt.

Als erste hat man das Mädchen zu mir gebracht und sie hat mich ängstlich gefragt, ob ich auch arrestiert sei. Der Aufseher hat zum Glück die Worte nicht verstanden. Dann habe ich mich vorgestellt: „Mein Name ist Yadviga und im Namen des Roten Kreuzes besuche ich euch. Vielleicht brauchen Sie etwas? Mehr Essen?“ „Nein ich brauche nichts, aber die Burschen brauchen wahrscheinlich mehr“, hat die gute Seele gesagt.
Aber die gleiche Antwort habe ich von den Burschen gehört. Jeder sagte, dass der zweite Hunger habe. Nach dem Besuch des „Roten Kreuzes“ haben sich die Bedingungen wesentlich verbessert. Die sadistischen Schläge haben aufgehört, und sie durften täglich gutes Mittagessen vom „Roten Kreuz“ bekommen. Vor der Todesstrafe konnte ich sie leider nicht retten, aber der Herr Gott hat uns geholfen: Zwei Stunden vor der Hinrichtung hat die Russische Armee die Stadt befreit und unsere drei FreundInnen wurden als politische Opfer befreit. Die drei haben sich freiwillig zur Roten Armee gemeldet .

Eines Tages ging ich zu meinen beiden Freundinnen mit einer Tasche voll mit christlichen Dokumente, die sie den Leuten, die in den Verstecken ungeduldig warteten, weiter geben sollten. Ich sah die beiden auf der Straße, aber auf einmal stand vor mir ein ungarischer Geheimpolizist und brachte mich zusammen mit den Mädchen zum Polizei-Kommandanten.

Die zwei wurden sofort mit dem Detektiv in das Gefängnis geschickt. Mich hat er frei gelassen, weil ich sagte, dass ich eine Krankenschwester bin und Arbeit im Krankenhaus suche. Ich bin sofort und schnell in einem Wettlauf mit der Zeit zu dem kleinen Zimmer, wo Hanka und Antek waren, um schnell zwei Taufdokumente zu zeichnen.

Zwei Dokumente von zwei verschiedenen polnischen Dörfern und zwei verschiedenen Priestern. Hanka zeichnete, Antek unterschrieb. Zwei Dokumente, die eine Aufgabe haben: das Leben von zwei Freundinnen zu retten.

Ich versuchte vorsichtig zu sein um die zwei Lebensmittelpakete und die Dokumente als Brief durch einen kleinen Polizisten zu schicken, aber auf einmal habe ich den Polizisten, der mich zwei Stunden zuvor verhaftet hatte und wusste, dass ich auch Jüdin war, gesehen. Der Brief in meiner Hand interessiert ihn sehr und er nahm ihn mir aus der Hand. Dann sagte ich: „Der Freund von Gila hat es geschickt und Sie sind doch ein Gentlemen, da werden sie bestimmt einen Liebesbrief von jemand anderen nicht lesen.“ Er hat mit dem Brief gespielt und schließlich Gila gegeben.

Ich habe sofort das Haus verlassen. Nach einigen Wochen wurden die zwei „katholischen“ Mädchen mit Hilfe eines Rechtsanwaltes befreit. Und doch wundere ich mich jetzt nach dem Krieg, dass ich so viel Mut und keine Angst hatte. Die Antwort habe ich von Frau Dr. Ingrid Strobl bekommen. Der Titel ihres Buches hat mir die Antwort gegeben: „Die Angst kam erst danach“