Thomas Schmidinger

„Half the story has never been told“*

Die Nation X und ihre weißen Freunde

500 Jahre nachdem das erste Schiff afrikanischer Sklaven 1502 die Karibikinsel Hispaniola erreichte, erschien erstmals in Österreich eine umfassende Arbeit über die Sklaverei auf amerikanischem Boden und die Redaktionen der Strömungen des “Black Nationalism” auf die anhaltende Diskriminierung von AfroamerikanerInnen in den USA.

Die beiden Ethnologen Werner Zips und Heinz Kämpfer schaffen es dabei, sich sprachlich wohltuend von der paternalistischen völkerkundlichen Literatur der Vergangenheit zu lösen, verlieren dabei aber manchmal die notwendige Distanz, insbesondere zu einer politischen Strömung, die ihre reaktionären, rassistischen und antisemitischen Schlagseiten heute nur noch schwer verbergen kann.

Natürlich haben Zips und Kämpfer recht, wenn sie den schwarzen Nationalismus der USA als Antwort der Unterdrückten auf die Sklaverei und den anhaltenden Rassismus nach der Aufhebung der Sklaverei im Zuge des amerikanischen Bürgerkriegs deuten. Dies mag das Aufkommen von schwarzem Nationalismus erklären, es ist aber keineswegs eine Besonderheit. Auch der kurdische, baskische oder irische Nationalismus speist sich aus der Erfahrung der Benachteiligung und Unterdrückung und viele heute an der Macht befindliche Nationalismen taten dies auch, solange sie ihr Ziel, die Schaffung eines Nationalstaates für die eigene gedachte Gemeinschaft, noch nicht erreicht hatten.

Dabei waren auch im schwarzen Nationalismus der USA bereits früh Einflüsse völkischer und rassisch begründeter Nationalismen zu sehen.

William Edward Burghart DuBois, ein früher schwarzer Nationalist des 20. Jahrhunderts, beschäftigte sich v.a. mit dem deutschen Nationalismus und verehrte insbesondere “Bismarck, dem er das Hauptverdienst an der Vereinigung Deutschlands zuschrieb, und schwärmte von seinem Lehrer Heinrich von Treitschke und dessen pangermanischen Visionen. Gleichzeitig war DuBois fasziniert von den Ideen deutscher Rassentheoretiker.” (S. 123) Zugleich zeigt sich bei DuBois aber auch jene Ambivalenz zur Linken, die sich bei ihm in einer gewissen Nähe zum Marxismus zeigt, die ihn aber nicht daran hinderte völkische Nationalismen zu bewundern. Zugleich war DuBois, der heute als einer der Väter des Pan-Afrikanismus gilt, kurze Zeit Mitglied der Sozialistischen Partei der USA und solidarisierte sich ausdrücklich mit der Oktoberrevolution in Russland.

Die bei DuBois deutlich werdende Ambivalenz zwischen linken und rechten, befreienden und ausschließenden, homogenisierenden Aspekten des schwarzen Nationalismus der USA werden auch bei den NachfolgerInnen seines Nationalismus deutlich, insbesondere bei jenen, die sich dem Islam als zum Christentum in Opposition stehender Religion zuwenden. Der Islam war zwar bereits die Religion eines Teils der in Westafrika versklavten Bevölkerung als diese nach Amerika “importiert” wurde. Ob die islamischen Bestrebungen der Moorish Science Temple Organization von Noble Drew Ali oder der späteren Nation of Islam (NOI) direkt auf diese islamischen SklavInnen aus Westafrika zurückgehen, lässt sich heute aber nicht mehr sagen. Es wäre zwar durchaus möglich, daß der Islam einige Generationen im Geheimen unter den SklavInnen und ihren Nachkommen weitergegeben wurde, wofür es aber keinerlei Evidenz gibt. Jedenfalls ist der Islam der Nation of Islam sehr weit vom eigentlichen Islam entfernt und muss wohl eher als eigene religiöse Schöpfung, denn als Abspaltung des Islam betrachtet werden.

Zips und Kämpfer widmen sich in ihrem Buch v.a. der mythischen Entstehungsgeschichte der NOI mit dem später von Elijah Muhammad zum Gott erklärten Wallace D. Fard, ihrem späteren First National Minister Malcom X, der mit großer Wahrscheinlichkeit nach seiner Trennung von der NOI einem Komplott seiner ehemaligen Glaubensbrüder zum Opfer fiel, dem gegenwärtigen Führer der NOI, Luis Farrakhan und der NOI nahestehenden Hip Hop Bands. Dabei wird zwar der aggressive Antisemitismus dieser Bewegung und der Vorwurf des schwarzen Rassismus erwähnt, trotzdem wird ein Urteil über Farrakhan als “geringstes Übel, das der US-amerikanischen Gesellschaft angesichts des eklatanten Mangels an Mindestansprüchen von Verteilungsgerechtigkeit widerfahren konnte” (S. 284), zustimmend zitiert, als wäre es die logische Konsequenz, dass diskriminierte Massen RassistInnen und AntisemitInnen werden müssten. Kein Wunder, dass dezidiert linke “schwarze NationalistInnen” wie die Black Panther Party, gerade einmal kurz erwähnt werden und sich die Autoren selbst dazu hinreißen lassen, ein Bild der Sklavenfängerburg Elmina Castle in Ghana mit der Beschreibung “Geschichtszeichen des Afrikanischen Holocausts” zu untertiteln, ganz so, als wäre es dasselbe, Millionen von Menschen zu versklaven und für eine effektive Ausbeutung der “menschlichen Ware” auch den Tod Zigtausender zu riskieren oder aber eine industrielle Massenvernichtung um der blanken Vernichtung Willen zu begehen.

*) Bob Marley in ”Get Up Stand Up”

Werner Zips / Heinz Kämpfer:
Nation X
Schwarzer Nationalismus, Black Exodus & Hip Hop

Wien, 2001
Promedia
ISBN 3-85371-180-4