Stephan Grigat

Ein Antisemitismusforscher auf Abwegen

Wolfgang Benz, der scheidende Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, hat schon so einiges in seinem Leben zustande gebracht. Er hat eine ganze Karriere darauf aufgebaut, den Antisemitismus als Vorurteil zu verharmlosen und dadurch mit allen möglichen anderen Vorurteilen gleichzusetzen. Als die NS-Vergangenheit seines Doktorvaters Karl Bosl thematisiert wurde, stellte er sich schützend vor ihn – und er verteidigt ihn bis heute. Mittlerweile ist Benz dort gelandet, wo es ihn vielleicht schon lange hingezogen hatte: Am 1. November, nur drei Tage bevor er in Wien eine „Simon Wiesenthal Lecture“ hielt, hat er dem Islamistenportal Muslim-Markt der Khomeini-Bewunderer Yavuz und Gürhan Özoguz ein Interview gegeben. Dass sich die schiitischen Özoguz-Brüder, die sich selbst als „fundamentalistische Islamisten“ bezeichnen, für ihn interessieren, ist alles andere als überraschend. Schließlich ist Benz der maßgebliche akademische Stichwortgeber für das Gerede von einer „Islamophobie“, die stets mit zu bedenken sei, wenn man sich mit dem Judenhass auseinandersetzt.

„Islamophobie-Kritiker“ wie Benz inszenieren sich gerne als verfolgte Spezies. Vielleicht ist es ja die imaginierte gesellschaftliche Marginalität, die solche Leute dazu treibt, einem Projekt wie Muslim-Markt bereitwillig Rede und Antwort zu stehen, das die Gleichstellung von Mann und Frau ebenso für eine „Pervertierung des menschlichen Daseins“ hält wie Homosexualität und auf seinen Seiten Erklärungen des Obersten Geistlichen Führers des Iran, Ali Khamenei, veröffentlicht, in denen erdie Shoah als „Märchen“ bezeichnet. Benz stellt sich damit in eine Reihe mit Leuten wie dem Rechtsextremisten Alfred Mechtersheimer, dem iranischen Holocaustleugner und Ahmadinejad-Berater Mohammad-Ali Ramin oder dem ehemaligen NPD-Funktionär Andreas Molau.

Der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung hat es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, den Antisemitismus zu einem Allerweltsvorurteil zu verniedlichen, sondern er erkennt das antisemitische Ressentiment nicht einmal, wenn man ihn direkt daraufstößt. Vor Kurzem konnte man ihn in der 3Sat-Sendung Kulturzeit bewundern, wie er vor einem Plakat des dänischen Künstler-Duos Surrend steht, auf dem der Deutschland-Korrespondent der Jerusalem Post nicht nur, was schlimm genug wäre, als Teil der „jüdischen Lobby in Deutschland“ vorgestellt wurde, sondern gleich als Stürmer-Journalist und also als Nazi gebrandmarkt wird. Benz erklärte vor laufender Kamera, das habe mit Antisemitismus nichts zu tun, was seiner akademischen Reputation selbstverständlich kein bisschen geschadet hat.

Das ist Vergangenheitsbewältigung 2010: Dem Nationalsozialismus begegnet man mit einer ebenso empiristischen wie begrifflosen Geschichtswissenschaft; gleichzeitig steht man den Unterstützern des Antisemitenregimes in Teheran, das Konferenzen zur Leugnung des Holocaust organisiert, bereitwillig Rede und Antwort und sagt ihnen genau das, was sie zur Behübschung der iranischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel hören wollen: „Antisemitismus ist grundsätzlich etwas anderes als Antizionismus.“

Benz sprach am Donnerstag Abend in Wien über „Die Welt der nationalsozialistischen Zwangslager“. Sicher ein wichtiges Thema, und Benz hat trotz seines Antisemitismusverständnisses maßgebliche Faktensammlungen zum NS-System herausgebracht. Aber warum wird einer, der sich einem Vorposten des iranischen Holocaustleugneregimes als Gesprächspartner zur Verfügung stellt, als Redner für eine „Simon Wiesenthal Lecture“ eingeladen? Vielleicht nutzt Benz ja die Gelegenheit seines Wien-Aufenthaltes, um einer für derartiges stets empfänglichen Öffentlichkeit auch gleich noch zu erklären, dass Wiesenthal heute ganz sicher ein „Islamophobie“-Jäger wäre, der „Recht, nicht Rache“ für die namen- und zahllosen Opfer der völlig ungerechtfertigten Kritik des islamischen Djihadismus einfordern würde.

redaktionell gekürzt erschienen am 9.11.2010 in der Wiener Zeitung