Brigitte Hamann

Dr. Karl Lueger — der Volkstribun

Als überzeugter Schönerianer brauchte der junge H. einige Zeit, bis er Schönerers Intimfeind, den Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lue­ger, und dessen Christlichsoziale Partei schätzen lernte: Als ich nach Wien kam, stand ich beiden feindselig gegenüber Der Mann und die Bewegung galten in meinen Augen als »reaktionär«.
Lueger war der »Herr von Wien«, seine Partei in Wien allmächtig, Georg Schönerer dagegen, dem einst Lueger huldigend einen Korn­blumenstrauß überreicht hatte, war ab 1907 politisch so gut wie tot und noch nicht einmal mehr im Reichsrat.
Die Anhänger der beiden Antipoden befehdeten einander wei­terhin. Die Parteizeitungen wüteten tagtäglich gegeneinander. Aber Lueger blieb immer der stärkere. Er verbot die Aufnahme von Schö­nerianern wie Sozialdemokraten in städtische Dienste, akzeptierte sie nicht als städtische Lieferanten und verbot als besondere Schmach ihren Turnvereinen, die gemeindeeigenen Schulturnplätze zu benutzen, mit der Begründung: »Ich kann in Österreich keine Revolutionäre, keine Bewunderer der Hohenzollern brauchen, ich brauch in Österreich gute, treue, dynastische Männer!«
Daß der junge H. als erklärter Sympathisant Schönerers sich aus­gerechnet von Lueger beeindrucken ließ, zeigt ein gewisses Mäß an politischer Selbständigkeit. Aber er schloß sich keineswegs der christlichsozialen Partei an, von deren katholischer Weltanschauung ihn Welten trennten. Nicht die Partei, sondern allein die überragende Persönlichkeit Luegers fesselte ihn und regte ihn zu beobachtenden Studien an.
Wenn man MEIN KAMPF glauben kann, weisen der Antisemitis­mus und eine Zeitung dem jungen H. den Weg zu Lueger. Er schreibt im Zusammenhang mit der Wiener liberalen »Judenpresse« und de­ren angeblicher Deutschfeindlichkeit: Daß eine der antisemitischen Zeitungen, das »Deutsche Volksblatt«,... sich anständiger verhielt, mußte ich einmal anerkennen... Ich griff nun überhaupt manchmal nach dem »Volksblatt«, das mir freilich viel kleiner, aber in diesen Din­gen etwas reinlicher vorkam. Mit dem scharfen antisemitischen Ton war ich nicht einverstanden, allein ich las auch hin und wieder Be­gründungen, die mir einiges Nachdenken verursachten.
Das auflagenstarke DEUTSCHE VOLKSBLATT, das einst von Schöne­rer zu Lueger überwechselte, vertrat den extrem deutschnationalen Flügel der Christlichsozialen und tat sich durch einen aggressiven Antisemitismus hervor. Jedenfalls lernte ich aus diesen Anlässen lang­sam den Mann und die Bewegung kennen, die damals Wiens Schicksal bestimmten: Dr. Karl Lueger und die christlich-soziale Partei.
Er habe Lueger zum erstenmal 1908 in der Volkshalle des Rat­hauses sprechen gehört, erzählte H. später: ich habe innerlich mit mir ringen müssen, ich wollte ihn hassen, aber ich konnte nicht anders, ich mußte ihn doch bewundern; er besaß eine ganz große Rednergabe.
In der Volkshalle des Wiener Rathauses fanden Großveranstal­tungen wie etwa die Vereidigungen der Neubürger der Stadt Wien statt. Diese Neubürger mußten feierlich vor dem Bürgermeister das »Wiener Bürgergelöbnis« abgeben und versprechen, den »deutschen Charakter der Stadt Wien« aufrechtzuerhalten. Damit schworen die nichtdeutschen Zuwanderer ihrer alten Nationalität ab.
H. könnte eine solche Bürgervereidigung am 2. Juli 1908 mit­erlebt haben, die in eine Zeit großer nationaler Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen fiel. Wie meistens bei diesem Anlaß nutzte Lueger die Gelegenheit, Grundsätzliches über die nationale Frage in Wien zu sagen. Das DEUTSCHE VOLKSBLATT berichtete: Der Bürgermeister »verwahrte sich dagegen, die Tschechen zu verachten, aber er betonte mit großer Bestimmtheit, daß tonangebend in der Reichshauptstadt die Deutschen bleiben, daß die anderen das tun müssen, was wir wollen, kurz und gut, daß die nach Wien kommen­den Tschechen sich ihrer Umgebung anzupassen und daher zu ger­manisieren haben«.
Es müsse klar sein, »daß der Boden, auf dem sich die alte Kaiser­stadt erhebt, deutscher Boden ist und deutscher Boden bleiben muß, daß Wien nicht in der Lage ist, den nach dem Zentrum des Reiches strömenden slawischen Elementen irgendwelche nationalen Kon­zessionen zu machen, sondern daß es vielmehr Sache der die Gast­freundschaft Wiens in Anspruch nehmenden Tschechen u.s.w. ist, auf ein prononciertes Hervorkehren ihrer Stammeszugehörigkeit zu verzichten und sich in das deutsche Milieu hineinzuleben.«
Luegers oft wiederholte Losung hieß: »Wien ist deutsch und muß deutsch bleiben!« — wobei »deutsch« selbstverständlich wie üblich eine Sprachbezeichnung ist und nichts mit einem »Anschluß« zu tun hat. Für den jungen H. ist Lueger so der »Germanisator« Wiens.
Lueger war 1908 64 Jahre alt, seit elf Jahren Bürgermeister und verehrt wie nie ein Amtskollege vor und nach ihm. Obwohl er durch eine schwere Nierenkrankheit bereits geschwächt und fast blind war, war noch immer jeder seiner selten gewordenen Auftritte ein Ereignis für die Stadt. Über seine Popularität meinte sogar der poli­tische Gegner Friedrich Austerlitz in der ARBEITERZEITUNG, der Bür­germeister sei »eine Art ungekrönter König, das Rathaus nicht we­niger als seine Hofburg... Er war populärer als jeder Schauspieler, berühmter als jeder Gelehrte; er war eine Erscheinung und Wirkung in der Politik, wie sie keine Großstadt aufzuweisen vermag, wie sie nur in Wien möglich ist und nur durch Lueger entstehen konnte... hätte sich anderswo in der Welt dieser ständige Lueger-Taumel behaupten können ?«
H.s schwärmerisches Urteil stimmt mit dem allgemeinen seiner Wiener Zeit überein, so wenn er meint, Lueger sei die größte kom­munalpolitische Erscheinung gewesen, der genialste Bürgermeister, der je bei uns gelebt hat. Und: Unter der Herrschaft eines wahrhaft ge­nialen Bürgermeisters erwachte die ehrwürdige Residenz der Kaiser des alten Reiches noch einmal zu einem wundersamen jungen Leben. Lueger sei der letzte große Deutsche, den das Kolonistenvolk der Ost­mark aus seinen Reihen gebar. Und: Hätte Dr. Karl Lueger in Deutschland gelebt, würde er in die Reihe der großen Köpfe unseres Volkes gestellt worden sein; daß er in diesem unmöglichen Staate wirkte, war das Unglück seines Werkes und seiner selbst. Und: Wenn Lueger ein Fest gab im Rathaus, so war das ganz großartig; er war ein souveräner König. Ich habe ihn niemals in Wien fahren sehen, ohne daß alles Volk auf der Straße stehen blieb, um ihn zu grüßen. H.s Ver­ehrung für den Wiener Bürgermeister soll so groß gewesen sein, daß er noch »in der Kampfzeit« eine kleine Lueger-Medaille als Talisman in seinem Portemonnaie gehabt habe.
Lueger hatte ein großes Talent zur Selbstinszenierung. Er liebte öffentliche Auftritte als der »schöne Karl« mit der goldenen Bürger­meisterkette, umgeben von einem Schwarm von Bediensteten und Gemeindebeamten, vor allem von Pfarrern in Ornat und Meßdienern, die bei allen großen Eröffnungszeremonien die Weihrauch­kessel schwangen, ob es sich um die Eröffnung des Gaswerks oder der 85. Wiener Volksschule handelte. Seine engste Umgebung trug eine eigene Luegersche »Hofuniform«, bestehend aus grünem Frack mit schwarzen Samtaufschlägen und gelben Wappenknöpfen. Militärkapellen spielten den dreistrophigen Lueger-Marsch.
Ruhmesworte für die Nachwelt ließ er auf Hunderten von Stein­tafeln eingravieren, die noch heute in Wien zu finden sind: »Erbaut unter dem Bürgermeister Dr. Karl Lueger«. Diese Sitte war auch H. wohlbekannt, und er erwähnt sie noch 1929 auf einer NSDAP-Versammlung in München: Da sehen wir, wie in Österreich Bürger­meister Dr. Lueger in Wien zur Macht gelangt und wie der nun ver­sucht, durch grandiose Werke die Herrschaft seiner Bewegung zu ver­ankern und zu verewigen, gemäß dem Gedanken, daß, wenn die Worte nicht mehr reden, dann die Steine sprechen müssen. Überall wird hineingemeißelt: Erbaut unter Dr. Karl Lueger.
In Wien wurde Luegers Eitelkeit meist gutmütig belächelt. So brachte eine Witzzeitung das Photo eines Elefantenbabys aus dem Schönbrunner Tiergarten mit der Unterschrift: »Geworfen unter dem Bürgermeister Dr. Karl Lueger«." Sogar Luegers Parteifreund Prälat Josef Scheicher attestierte dem alten Lueger »etwas Caesaren­wahn und Menschenverachtung«. Er habe »eine geradezu kindliche Freude« gehabt, »wenn ihn die Potentaten dieser Erde mit dem Kinderspielzeuge möglichst vieler Mascherin und Banderin behäng­ten«. Es habe viele gegeben, »die fast Tag und Nacht vor ihm auf dem Bauche lagen, mit dem Weihrauchfasse kniend hantierten und dazu murmelten: Groß bist du, herrlicher Fo!«
Und der Gegner Austerlitz: »Vielleicht ist jene Popularität Lue­gers gar nicht die Sache, auf die Wien stolz sein darf. Denn Luegers Leben war von einer einzigen Idee erfüllt: dem Willen zur Macht« — und zwar seiner eigenen Macht. »Staat, Volk, Partei« hätten »ihren Brennpunkt nur in seinem eigenen Ich« gehabt, es sei eine »krank­hafte Suggestion« gewesen, »die eine große Stadt zum Piedestal des Ehrgeizes einer Person entarten läßt«.
Lueger hatte sich seine Volkstümlichkeit durch unbestreitbar große Leistungen erarbeitet. Seine Amtsperiode von 1897 bis 1910 bildete in der Verworrenheit der k.u.k. Politik ein einzigartig klar konturiertes Bild: Hier war zweifellos eine starke Führungspersönlichkeit am Werk. Hier war politisches Charisma, ein Politiker, der sein Ohr beim Volk hatte und sich für dieses sein »Volk von Wien« leidenschaftlich und tatkräftig einsetzte und das Wohl der Stadt kräftig förderte. Die bis heute anhaltende Verehrung für den »Herr­gott von Wien«, den »Bürgerkaiser« ist angesichts seiner Leistungen durchaus verständlich.
Luegers Licht strahlte auch deshalb so hell, weil das politische Umfeld so düster war: ein alter, depressiver Kaiser, der, ohnehin po­litisch wenig befähigt, sich völlig auf den Rat mittelmäßiger Minister und Hofwürdenträger verließ und die sprichwörtliche Politik des »Fortwurstelns« ohne jedes Konzept und ohne politische Führungs­kraft betrieb. Die cisleithanischen Regierungen wechselten ständig. Das Parlament war durch den Nationalitätenstreit lahmgelegt. Im Land herrschten soziale Not, Arbeitslosigkeit, Teuerung, man­gelnde soziale Sicherung, Streit und schwindende Loyalität zum Vielvölkerstaat.
Das zerbröckelnde Großreich hatte nur eine feste Bastion klarer, erfolgreicher Politik: die Stadt Wien unter Bürgermeister Lueger. H.s Meinung in MEIN KAMPF war die der Mehrheit der Wiener: Wien war das Herz der Monarchie, von dieser Stadt ging noch das letzte Le­ben in den krankhaft und alt gewordenen Körper des morschen Reiches hinaus.

Wien, die moderne Metropole

Wien hatte 1908 zwei Millionen Einwohner und war damit die sechstgrößte Stadt der Welt — hinter London mit rund 4,8, New York mit 4,3, Paris mit 2,7, Chicago mit 2,5 und Berlin mit 2,1 Mil­lionen Einwohnern. Die beiden nächstgrößeren Städte der Donau­monarchie, Triest, Prag und Lemberg, brachten es jeweils auf nur rund 200 000 Einwohner!
Zwischen 1880 und 1910 stieg die Einwohnerzahl Wiens fast auf das Doppelte, einerseits durch riesige Einwandererströme in einer Zeit der raschen Industrialisierung und andererseits durch die Ein­gemeindung der Vororte 1890 und des großen Gebietes jenseits der Donau — Floridsdorf — 1904 als natürliches Ausdehnungsgebiet einer erträumten zukünftigen Viermillionenstadt. Die jährliche Zuwanderung betrug mindestens 30 000 Menschen.
Die rasch wachsende Großstadt brauchte neue Strukturen, vom Verkehrsnetz über Gas-, Strom- und Wasserversorgung bis zu Spitälern, Bädern und Volksschulen. Diese Aufgaben bewältigte die Stadt unter Lueger im großen Stil und in vielen Bereichen muster­gültig. In seiner Amtszeit wurde Wien zu einer modernen Metro­pole.
Luegers wichtigstes Erfolgsrezept war die energische Kom­munalisierung der Versorgungseinrichtungen wie der Gas- und Elektrizitätswerke und der Verkehrsbetriebe, die sich vorher in der Hand meist ausländischer Kapitalgesellschaften befunden hatten. Er nahm aber auch die Wasserwerke, den Schlachthof, ja sogar das Brauhaus in städtischen Besitz, richtete Gemeindesparkassen ein ge­gen die Konkurrenz der »jüdischen« Banken und — als Maßnahme gegen die überteuerten Wiener Begräbnisse — eine städtische Be­stattung.
Die bisherigen Pferdebahnen wichen einem elektrischen Stra­ßenbahnnetz von rund 190 Kilometer Länge, dem bestausgebauten in Europa. Die Stadtbahn, geplant von Otto Wagner, ist bis heute ein städtebauliches Juwel, das sogar H. schätzte. Die zweite Wiener Wasserleitung brachte Hochquellwasser aus dem 200 Kilometer ent­fernten Hochschwabgebiet und gibt der Großstadt bis heute das berühmt gute Wasser. Das Lainzer »Versorgungshaus« mit Kran­kenanstalten, in Pavillonbauweise inmitten einer Park- und Wiesen­landschaft errichtet und heute noch in Betrieb, war die modernste Kranken- und Pflegeanstalt in Europa. Luegers starke Bindung an die Kirche führte zu einer Fülle von Kirchenneubauten.
Daneben setzte der Bürgermeister ein Verschönerungsprogramm durch. Da er aus Wien keinen »Steinhaufen« machen wollte, ließ er auch innerhalb der Stadt Parks und Grünzonen anlegen. Ein Wald-und Wiesengürtel rund um die Großstadt mit Bauverbot bewahrt bis heute die idyllische Landschaft des Wienerwaldes als Erholungs­gebiet in nächster Nähe. Das Strandbad »Gänsehäufel« inmitten einer ländlichen Umgebung bringt den Wienern willkommene Erholung.
Das nötige Geld für die Rieseninvestitionen brachte Lueger durch langfristige in- und ausländische Anleihen auf. (Manche dieser Schulden erledigten sich in der Inflation. Die noch verbleibenden, in Gold zurückzuzahlenden Auslandsanleihen jedoch wurden nach 1918 zum Problem für die kleine Republik Österreich.) Daß Lueger seine riesigen Bauprojekte allein mit den vorher von den »Aus­ländern« kassierten üppigen Gewinnen finanziert habe, war also christlichsoziale Propaganda. So schrieb der erste Lueger-Biograph und -Parteifreund, Pfarrer Franz Stauracz, 1907 in seiner Jubel­schrift zum zehnjährigen Amtsfest: »Die liberalen Vorgänger haben auch Schulden gemacht und nichts geleistet; die jetzigen Anleihen aber werden, ohne einen Heller der Bevölkerung in Anspruch zu nehmen, aus den Erträgnissen der Unternehmungen verzinst und amortisiert. Früher flossen die Einnahmen aus den Gaswerken, der Tramway etc. alljährlich zumeist in die Taschen englischer Juden, heute kommen sie der Allgemeinheit zugute.« H. wiederholt diese Propaganda noch 1941: Alles, was wir heute an kommunaler Selbst­verwaltung haben, geht auf ihn [Lueger] zurück. Was anderswo Pri­vatunternehmen war, machte er städtisch, und so konnte er, ohne daß die Steuern auch nur um einen Heller erhöht wurden, die Stadt Wien verschönern und erweitern: Die Einnahmequellen der früher privaten Gesellschaften standen ihm zur Verfügung.
Ein Blick in die Pressemeldungen des Jahres 1908 zeigt Lueger als gütigen, humorvollen Stadtvater, der sich um alles, auch das gering­ste Problem, kümmerte gemäß seinem Wahlspruch: »Dem kleinen Mann muß geholfen werden.« So erntet er Begeisterung mit dem Satz, er wolle am liebsten »jedem Bürger, der die Nacht durchdraht hat, einen Fiaker zur Verfügung stellen«.
Für die Milchverteuerung machte er im Gemeinderat die an­geblich habgierigen Händler verantwortlich — jedermann wußte, daß er damit die Juden meinte — und drohte: »Wenn alles nichts hilft, so werde ich den Verkauf von Milch selbst in die Hand nehmen. (De­monstrativer, anhaltender Beifall.) Ich liefere schon so vieles, ich liefere Elektrizität, Gas, Bier, ich liefere alles mögliche, warum soll ich Milch nicht auch liefern? (Neuerlicher Beifall und Heiter­keit.)«
Auch der Müll beschäftigte ihn, wie er in einem Pressegespräch ausführte: »Danach soll der Hauskehricht verbrannt und durch ein eigenes Verfahren zur Elektrizitätsverwertung verwendet werden. Der Straßenkehricht hingegen soll als Dünger verwertet werden. Dadurch würden der Gemeinde neue Einkünfte zufließen, welche zum Teile die Kosten der Fortschaffung des Kehrichts einbringen sollen.«
Die niederösterreichische Landtagswahl 1908, die ersten Wahlen, die der junge H. in Wien miterlebte — Wien gehörte damals noch zum Land Niederösterreich —, wurden für Lueger zum Triumph. In Ma­riahilf erhielten die drei christlichsozialen Kandidaten jeweils mehr Stimmen als alle übrigen Konkurrenten zusammen. Die Basis für diesen Erfolg war das alte Kurienwahlrecht. Lueger weigerte sich zeitlebens, das allgemeine gleiche Wahlrecht in Niederösterreich oder in Wien einzuführen, und sicherte damit die Herrschaft seiner christlichsozialen Partei gegenüber den Sozialdemokraten.
Die liberale Presse, auch vom Bürgermeister nur »Judenpresse« genannt, tobte gegen den Volkstribunen Lueger vergeblich. Luegers Anhänger ließen sich von auch noch so scharfen Presseangriffen nicht gegen ihr Idol beeinflussen. H. erwähnte dieses Phänomen 1942 im Zusammenhang mit der englischen Presse im Zweiten Welt­krieg: Es könne sogar soweit kommen, daß die Presse überhaupt nicht mehr die Meinung des Volkes widerspiegele; ein Beweis dafür sei die Haltung der Wiener Presse zur Zeit des Oberbürgermeisters Lueger. Obwohl diese Wiener Presse nämlich restlos verjudet und liberal ein­gestellt gewesen sei, habe Oberbürgermeister Lueger bei den Stadtrats­wahlen stets eine überwältigende christlich-soziale Mehrheit erhalten, die Einstellung des Volkes habe sich mit der Haltung der Presse also in keiner Weise mehr gedeckt.

Zu Luegers Biographie

Lueger war ein »echter Wiener«, ein »Wiener vom Grund«, geboren 1844 als Sohn eines Militärinvaliden und Schuldieners. Seine früh verwitwete Mutter brachte ihn und zwei Schwestern unter schwieri­gen Verhältnissen durch und ermöglichte dem Hochbegabten ein Jusstudium. Zeitlebens war Lueger seiner Mutter dankbar und de­monstrierte seine glühende Sohnesliebe auch in der Öffentlichkeit.
1866, im Jahr der Schlacht von Königgrätz, schloß der 22jährige sein Jusstudium ab, ging in eine Rechtsanwaltskanzlei und machte sich rasch einen Namen als Anwalt der »kleinen Leute«, denen er tat­kräftig und uneigennützig in Streitfällen gegen die »Großen« half. Der Anstoß, in die Politik zu gehen, und die entscheidende politi­sche Prägung kamen von dem jüdischen Arzt und Bezirkspolitiker Dr. Ignaz Mandl, einem Abgott der »kleinen Leute« in Luegers Wohnbezirk, der »Landstraße«. Nach Mandls Beispiel ging nun auch Lueger durch die Gasthäuser und Bierhallen, von einer Volks­versammlung zur anderen, um seine politischen Reden zu halten. Er hörte sich die Klagen der Leute an und profilierte sich — ähnlich wie Schönerer im Waldviertel — als Anwalt der bisher Zukurz­gekommenen.
Es war die wirtschaftlich schwierige Zeit nach dem Börsenkrach von 1873, als sich der Volkszorn gegen den herrschenden Liberalis­mus wendete, gegen die »Kapitalisten« und »die Juden«. Lueger nahm diese Strömungen geschickt auf und konzentrierte seine Ar­beit auf zwei Feindbilder: einerseits die Großindustrie, Fabriken und Warenhäuser, die die Existenz des Kleingewerbes bedrohten —und andererseits das »Proletariat«, die aufsteigende Sozialdemokra­tie, die als revolutionär angesehen wurde und, wie es in der Propa­ganda hieß, den guten Bürgern ihren kleinen Besitz streitig machen wollte. Zu diesen Feindbildern kam noch das gegen die »Fremden«, die Einwanderer.
Lueger war äußerst fleißig, ja geradezu von Politik besessen, schreckte auch nicht vor Schlägereien mit politischen Gegnern zurück. Der niederösterreichische Statthalter Erich Graf Kielmans­egg über seinen politischen Antipoden Lueger: »Ein starker Wille und ein angeborener Instinkt, die jeweilige Volksstimmung förmlich zu erraten und für diese das richtige Schlagwort zu finden, ließ ihn sein Ziel glänzend erreichen.«
Diese breite untere Mittelschicht, die von den Politikern bisher kaum zur Kenntnis genommen wurde, wählte Lueger 1875 neben Mandl in den Gemeinderat, zunächst als Liberalen. Hier wechselten die Freunde von den »Liberalen« zu den »Demokraten« und brach­ten mit aggressiver Opposition den liberalen Bürgermeister zu Fall. Lueger unterstützte Schönerers deutschnationale Reformbewegung und die Prinzipien des »Linzer Programms« von 1882, kämpfte mit Schönerer 1884 in der Nordbahnfrage gegen das Haus Rothschild und für Verstaatlichungen. Er hatte Höhen und Tiefen, wechselte die Parteien.
Sein großes und einziges Ziel war, Bürgermeister von Wien zu werden. Für dieses Ziel versicherte er sich der Unterstützung wich­tiger bestehender Bezirks- und Berufsorganisationen, so der Vereine von Gewerbetreibenden und Handwerkern, vor allem der Fleisch­hauer, Bäcker und Lohnfuhrwerker, aber auch der politisch mächti­gen Wiener Hausherren. H.s Kommentar zu diesem Thema: Indem sich Luegers Partei auf die Gewinnung des kleinen und unteren Mit­tel- und Handwerkerstandes einstellte, erhielt sie eine ebenso treue wie ausdauernde und opferwillige Gefolgschaft.
Die Erweiterung des Wahlrechts 1885 brachte Lueger den er­warteten Aufstieg. Denn nun durften die »Fünfguldenmänner« wählen, jene Männer, die seßhaft waren und jährlich mindestens den geringen Satz von fünf Gulden Steuern zahlten. Das brachte Luegers Anhang an die Wahlurnen und ihn in den Reichsrat. Das »Volk von Wien« liebte ihn und wählte ihn als Person, gleichgültig, für welche Partei er gerade kandidierte. Im Reichsrat machte er sich rasch als temperamentvoller Kämpfer gegen die »Judenliberalen«, gegen Kor­ruption, ausländische Kapitalgesellschaften und — im noch fried­lichen Wettstreit mit Schönerer — gegen die »Judenpresse« einen Namen.
1887 wandte sich Lueger der kleinen antiliberalen katholischen Reformgruppe »Christlichsozialer Verein« zu, die dabei war, ein modernes Sozialprogramm zu entwickeln. Außerdem strebte der Verein eine »Rekatholisierung« im Kampf gegen das »Judentum« an und vertrat einen scharfen Antisemitismus.
Der Eintritt in diesen Verein bedeutete eine Zäsur in Luegers Politik: Von nun an trat er in der Öffentlichkeit als Antisemit auf. Das bedeutete auch die Trennung von seinem Freund und Förderer Ignaz Mandl.
Lueger übernahm bald die Führung und baute den Verein tat­kräftig in wenigen Jahren zu einer modernen Massenpartei aus, in die er alle seine früheren Anhänger integrierte, von den Hausherren bis zu den Fleischhauern, von den Demokraten bis zu den Deutsch­nationalen. Als einigendes Feindbild dieser gegensätzlichen Grup­pen diente der allen gemeinsame Antisemitismus. Nach dem erst kurz zuvor entstandenen modernen Begriff nannte sich die Gruppe stolz »die Antisemiten«. Erst 1893 gab sie sich offiziell den Namen »Christlichsoziale Partei«, behielt aber intern die Bezeichnung »die Antisemiten« bei.
Seinen kometenhaften Aufstieg verdankte Lueger nicht zuletzt dem Ausscheiden Schönerers aus der Politik im Jahr 1888. Er ver­stand es sehr geschickt, dem »Märtyrer« Schönerer öffentlich zu huldigen und gleichzeitig dessen Anhänger auf seine Seite zu ziehen. Er setzte Schönerers erfolgreichste Parolen nun für sich ein, zum Zorn der Schönerianer. Lueger habe »den von Schönerer erweckten Rassenantisemitismus... als Werbemittel für sich« genutzt, um schneller Bürgermeister zu werden, und sei auf »Wählerfang« bei den Schönerianern gegangen, warf ihm später Franz Stein nicht zu Unrecht vor.
Auch im Reichsrat konzentrierte sich Lueger ganz auf die Wiener Probleme und auf sein Feindbild, die Juden, mit der zündenden Pa­role: »Groß-Wien darf nicht Groß-Jerusalem werden«. 1890 hielt er eine berühmte und jahrzehntelang zitierte Rede gegen die Juden: »ja in Wien gibt es doch Juden wie Sand am Meere, wohin man geht, nichts als Juden; geht man ins Theater, nichts als Juden, geht man auf die Ringstraße, nichts als Juden, geht man in den Stadtpark, nichts als Juden, geht man ins Concert, nichts als Juden, geht man auf den Ball, nichts als Juden, geht man auf die Universität, wieder nichts als Juden.« Und: »Meine Herren, ich kann ja nichts dafür, daß beinahe alle Journalisten Juden sind und nur hie und da in der Redaktion ein Redaktionschrist gehalten wird, den sie allenfalls vorführen können, wenn einer kommt, der sich sonst schrecken möchte.« Wegen dieser Judenpresse habe »die gegen den Journalismus gerichtete Bewegung naturnotwendig den Charakter des Antisemitismus annehmen müssen«. Außerdem vertrete die Judenpresse die Interessen des Großkapitals.
Jedenfalls hatte Lueger mit seinem Antisemitismus weitaus mehr Erfolg als Schönerer. Ein führender Alldeutscher bemerkte resi­gniert, Lueger habe es verstanden, »in den Augen der großen Menge seine eigene Person in so hohem Maße als die Verkörperung des An­tisemitismus erscheinen zu lassen, daß in allen weniger selbständig denkenden Köpfen die Gegnerschaft zu Dr. Lueger einen Abfall vom Antisemitismus gleichgerechnet wird«.
Angesichts der christlichsozialen Erfolge sammelten sich Lue­gers Feinde, die Liberalen, aber auch die Konservativen am Hof und hohe Geistliche in einer spektakulären Aktion: Kardinal Graf Schönborn überbrachte in Rom im Namen der österreichischen Bischöfe eine förmliche Anklage gegen die Christlichsozialen beim Papst. Die Partei sei »nicht katholisch, sondern umstürzlerisch und sozialistisch«, sei maßlos in der Sprache, schüre »die Leidenschaften des Volkes«, entzünde »niedrige Begierden« und identifiziere sich mit dem Antisemitismus. Papst Leo XIII. jedoch ließ sich von der christlichsozialen Verteidigungsschrift überzeugen, vor allem dem dargelegten Sozialreformprogramm, und schickte Lueger seinen Segen."
Damit war Luegers Erfolg besiegelt. Bei den nächsten Gemeinde­ratswahlen 1895 erreichten die Christlichsozialen die Mandatsmehr­heit. Lueger war, so schien es wenigstens, am Ziel und wurde zum Bürgermeister von Wien gewählt.
Gegen diese Wahl erhob sich ein Proteststurm der Liberalen. Die NEUE FREIE PRESSE warnte, unter einem Bürgermeister Lueger wäre Wien »die einzige Großstadt in der ganzen Welt, welche das Brand­mal der antisemitischen Verwaltung trägt«. Das sei eine »Herab­würdigung der alten Kaiserstadt«. Mit Lueger steige »der politische Bodensatz zur Oberfläche«.
Zur allgemeinen Überraschung verweigerte Kaiser Franz Joseph seine nötige Zustimmung zu dieser Wahl. Er tat dies auf Rat des Mi­nisterpräsidenten Badeni, aber auch hoher Aristokraten und seiner Freundin Katharina Schratt, auch deshalb, weil er den Rechtsgrundsatz seines Reiches, nämlich die Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz, durch Lueger nicht gewährleistet sah.
Die Wahl wurde wiederholt. Der Kaiser verweigerte wiederum, insgesamt viermal, zwei Jahre lang. Mit jeder Weigerung des Kaisers und jeder dadurch erzwungenen Neuwahl wuchs die Stimmenzahl für Lueger. Er wurde zum Märtyrer und Volkshelden in einem Siegeszug sondergleichen. Und was niemand für möglich gehalten hätte, trat ein: Die kaiserliche Autorität litt in diesem Tauziehen gefährlichen Schaden.
Das wurde ausgerechnet bei der Fronleichnamsprozession 1896 für alle offenbar. Wie gewöhnlich ging der Kaiser als demütiger Christ als erster hinter dem »Himmel« mit dem Allerheiligsten. Vor diesem Baldachin gingen verschiedene Würdenträger, darunter Lue­ger. Der Augenzeuge Felix Saiten berichtet: »Die Glocken läuten, die Kirchenfahnen wehen, und das brausende Rufen der Menge emp­fängt den geliebten Mann, der nach allen Seiten dankt, grüßt, lächelt. Er freut sich. Denn der Kaiser, der dem Baldachin folgt, muß den tausendstimmigen Donner hören. Auf dem ganzen Weg rauscht dieser Jubelschrei vor dem Kaiser einher, dieses jauchzende Brüllen, das einem andern gilt... Als ob er nur im Gefolge dieses Mannes einherginge, wandelt der Kaiser mit der Prozession. Vor sich das Aufrauschen der Ovationen, um sich her Stille. Es war Luegers Triumphzug.«
Erst die Wahlen von 1897, überschattet von den Badeni-Krawal­len und großer Revolutionsangst, brachten den Umschwung. Ver­glichen mit den sozialdemokratischen »Revolutionären« erschienen die katholischen Christlichsozialen nun als das kleinere Übel. Am Hof setzten sich die Lueger-Freunde durch, vor allem die Kaiser­tochter Erzherzogin Marie Valerie, die ganz unter dem Einfluß ihres Beichtvaters und »Seelenführers« Pater Heinrich Abel stand.
So wurde Lueger nach zwei bewegten Jahren 1897 endlich Bür­germeister von Wien und als solcher stürmisch gefeiert. Und in die­sem Augenblick des Triumphes erwies er sein politisches Können. Er ging eben nicht wie Schönerer in Opposition gegen das Kaiserhaus, sondern versicherte den Kaiser seiner Loyalität. In den Augen seiner Anhänger verzieh der »Märtyrer« seinem Kaiser großmütig und heizte damit seine eigene Popularität weiter an. Die beiden be­liebtesten Männer Wiens — Kaiser Franz Joseph und der »Volkskaiser« Lueger — waren nun versöhnt. Saiten spöttisch: »Am Ziele angelangt, nahm er die schwarzgelbe Gesinnung in städtische Obhut, nahm die Kaisertreue in städtische Verwaltung, nahm die Volkshymne in städtische Regie.«

Lueger, der Volkstribun

In ebendem Ausmaß, wie das Wahlrecht zugunsten immer breiterer Bevölkerungskreise erweitert wurde, wuchs die politische Bedeu­tung neuer sozialer Schichten, die bisher von den Politikern kaum beachtet worden waren: die der »kleinen Leute«. Da sie nun wegen ihrer Masse zunehmend den Ausgang der Wahlen bestimmten, muß­ten neue Wege gefunden werden, um an diese Wähler heranzukom­men, die sich den bisher üblichen Propagandamitteln entzogen.
Auf allen politischen Ebenen tauchte ein neuer Politikertyp auf, der »Volkstribun«. Er unterschied sich gründlich von dem noch üb­lichen Typ des liberalen Politikers, der auf Bildung und vornehmes Auftreten Wert legte, gerne von oben herab dozierte und sich als Er­zieher des Volkes fühlte und unnahbar war. Die neuen Politiker, die die Zeichen der Zeit früh erkannten wie Schönerer und Lueger, such­ten den Kontakt mit dem Volk: in Gasthäusern, Bierhallen, auf Marktplätzen, in den Betrieben. Sie erspürten die Stimmung »des Volkes« und boten Hilfe an.
Der Volkstribun Lueger hielt seine Reden gerne im Dialekt, stellte sich im geistigen Niveau auf seine Zuhörer ein, machte alles Schwierige einfach, würzte die Reden mit Witzen. Und er tat das, was die meisten Stimmen einbrachte: Er griff die Feinde seiner Wähler an, verstärkte ihre Antipathien, nicht nur gegen Politiker, sondern auch gegen nationale und religiöse Minderheiten, »die Rei­chen da oben«, »den Pöbel da unten«, die »Ungläubigen« und die »Fremden, die uns die Frauen, Wohnungen, Arbeit usw. ab­nehmen«. Er appellierte bewußt an Gefühle und Instinkte und eben nicht an die Vernunft und kritischen Verstand. Hugo von Hof­mannsthal prägte in dieser Zeit das Wort: »Politik ist Magie. Welcher die Massen aufzurufen weiß, dem gehorchen sie.«
So wirkten Luegers Reden auf die Zuhörer wie eine Massen­suggestion. Lueger habe »nahezu übernatürlich seine Willensüber­tragung auf andere auszuüben vermocht«, berichtete Luegers Geliebte Marianne Beskiba: »Mit blitzenden Augen, erhobenen Ar­men — ganz Gestikulation — ließ er seine Stimme erdröhnen, die wohl etwas verschleiert klang, aber an Kraft und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. — Mit drastischen Worten schilderte er die Schä­den des früheren liberalen Regimes, entwickelte seine Ideen fürs all­gemeine Volkswohl und erklärte den Gegnern den Krieg ›bis aufs Messer‹. — Stürmischer Beifall begleitete jeden Satz, oft wurde er am Weitersprechen durch nicht endenwollenden Jubel behindert. In Schweiß gebadet kehrte er endlich zu seinem Tischplatze zurück.«
Lueger gab dem »Volk von Wien« Selbstbewußtsein. Saiten: »Al­lein er nimmt auch noch die Verzagtheit von den Wienern. Man hat sie bisher gescholten. Er lobt sie. Man hat Respekt von ihnen ver­langt. Er entbindet sie jeglichen Respektes. Man hat ihnen gesagt, nur die Gebildeten sollen regieren. Er zeigt, wie schlecht die Ge­bildeten das Regieren verstehen. Er, ein Gebildeter, ein Doktor, ein Advokat, zerfetzt die Ärzte, zerreißt die Advokaten, beschimpft die Professoren, verspottet die Wissenschaft; er gibt alles preis, was die Menge einschüchtert und beengt, er schleudert es hin, trampelt la­chend darauf herum, und die Schuster, die Schneider, die Kutscher, die Gemüsekrämer, die Budiker jauchzen, rasen, glauben das Zeit­alter sei angebrochen, das da verheißen ward mit den Worten: selig sind die Armen am Geiste. Er bestätigt die Wiener Unterschicht in allen ihren Eigenschaften, in ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit, in ihrem Mißtrauen gegen die Bildung, in ihrem Weindusel, in ihrer Liebe zu Gassenhauern, in ihrem Festhalten am Altmodischen, in ihrer übermütigen Selbstgefälligkeit; und sie rasen, sie rasen vor Wonne, wenn er zu ihnen spricht.«
Allerdings verlor diese Art von Volksreden ihre magische Wir­kung bei einem gebildeten Publikum oder auf dem internationalen Parkett. Hier wirkten sie platt und die sonst so beliebten Scherze al­bern. Ein Augenzeuge berichtete: »Aber mit welchem Behagen ver­weilte er in den Niederungen volkstümlicher Gemeinplätze und seichter Witze! Wie wenn er immer nur zu seinen Vorstadtwählern gesprochen hätte! Die Leitung eines Architektenkongresses be­glückwünschte er zur Wahl des Versammlungsortes, weil — die Wie­nerinnen ›gut gebaut‹ seien. Vor den Gelehrten eines Musikhistori­schen Kongresses fand er keine bessere Kennzeichnung für die Mu­sik als Weltsprache, als daß der Wiener Walzer jedem Menschen in die Füße geht und die tschechische Polka auch in Wien getanzt wird.« Daß Lueger sogar mit solchen Reden Erfolg hatte, führte der Kritiker auf den »Sog des Bodenständigen und Wurzelechten über das steife internationale Getue« zurück.
Salten über Luegers Reden, nicht ohne Anerkennung: »Bekam ein denkender Mensch sie zu lesen, so mußte er lächeln... Hörte aber ein denkender Mensch zu, wenn Lueger redete, dann half es gar nichts, ein denkender Mensch zu sein, dann vergingen einem die eigenen Gedanken, dann war man von einer elementaren Gewalt ergriffen und wehrlos mit fortgerissen.«
Die Anziehungskraft, die Lueger auf H. ausübte, liegt eindeutig in seiner ganz speziellen Wirkung auf ein Massenpublikum. Immer wieder kam H. später auf das Beispiel Luegers zurück, wenn er sich mit Problemen der Massensuggestion oder -fanatisierung beschäf­tigte oder sich über den Wert politischer Propaganda verbreitete. An Luegers Beispiel erörtert er in MEIN KAMPF den politischen Wert der Gewalt der Rede, schreibt über die Zauberkraft des gesprochenen Wortes und — enthüllend genug — über die Brandfackel des unter die Masse geschleuderten Wortes .
Im Gegensatz zu Schönerer sei Lueger ein seltener Menschen­kenner gewesen, der sich besonders hütete, die Menschen besser zu se­hen, als sie nun einmal sind. Jede Propaganda müsse sich einstellen auf die Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die er sich zu richten gedenkt... Je bescheidener... ihr wissenschaftlicher Bal­last ist, und je mehr sie ausschließlich auf das Fühlen der Masse Rück­sicht nimmt, umso durchschlagender der Erfolg. Es gehe nicht um die gelungene Befriedigungeiniger Gelehrter oder ästhetischer Jünglinge.
Bei der geringen Denkfähigkeit der breiten Masse müsse ein guter Redner vereinfachen: Die Rede eines Staatsmannes zu seinem Volk habe ich nicht zu messen nach dem Eindruck, den sie bei einem Uni­versitätsprofessor hinterläßt, sondern an der Wirkung, die sie auf das Volk ausübt.
Zwischen der Niederschrift von MEIN KAMPF und seiner Wiener Erfahrung mit dem Volksredner Lueger liegen für H. 15 politisch entscheidende Jahre, in denen sich all diese Ideen erst klärten und konkret wurden. In dieser Zeit kamen andere Erfahrungen hinzu, auch Leseerfahrungen, etwa mit dem Buch PSYCHOLOGIE DER MAS­SEN von Gustave Le Bon, das in deutsch 1908 erschien. Andererseits ist zu bedenken, daß gerade in H.s Wiener Zeit, als die »Masse« von einem Tag auf den anderen eine politische Größe wurde, sich viele Politiker und viele Denker mit Methoden beschäftigten, wie diese Menschenmassen zu gewinnen seien. Immer wieder taucht auch der Gedanke auf, hier dürfe nicht der Verstand eingesetzt wer­den, sondern vor allem das Gefühl, die »Fanatisierung«, wie H. es in MEIN KAMPF nennt. Das Irrationale war in der Politik wichtig geworden, die Vernunft galt angesichts einfacher, ungebildeter Wähler, nun »Massen« genannt, als unwirksam.
Mit dieser Ausschaltung der Vernunft zugunsten eines Gefühls­rausches wie bei Richard Wagners Musik beschäftigte sich ja auch Max Nordau in seinem Buch ENTARTET und nannte diesen damals modernen Mystizismus den »Ausdruck des Unvermögens zur Aufmerksamkeit, zu klarem Denken und zur Beherrschung der Emotionen«. Er beruhe auf der »Schwächung der höchsten Hirn­zentren«.
Diese Methode, Massen in ihren Bann zu ziehen, praktizierten viele Volkstribunen dieser Zeit, der sozialdemokratische Arbeiter­führer Franz Schuhmeier ebenso wie Ignaz Mandl und in früheren Jahren Georg Schönerer. Auch Theodor Herzl hatte es ja mit Massen zu tun, die er nicht mit Intellekt, sondern mit Gefühlen für seinen damals völlig unrealistischen Traum eines Judenstaates begeisterte. Herzl an den jüdischen Philanthropen Baron Moriz Hirsch: »Glau­ben Sie mir, die Politik eines ganzen Volkes — besonders, wenn es so in aller Welt zerstreut ist — macht man nur mit Imponderabilien, die hoch in der Luft schweben. Wissen Sie, woraus das Deutsche Reich entstanden ist? Aus Träumereien, Liedern, Phantasien und schwarz­rot-goldenen Bändern... Bismarck hat nur denBaum geschüttelt, den die Phantasten pflanzten.«
Der Anstoß für H.s intensive Beschäftigung mit dem Typ des Volkstribunen und den strategisch besten Mitteln, um Massen zu fa­natisieren und zu Gefühlsräuschen zu bringen, kam zweifellos vom persönlichen Erlebnis der Reden Luegers.

Luegers Antisemitismus

Lueger verstand es, alle Feindbilder seiner Wähler in einer mächtigen
Bewegung zusammenzufassen: dem Antisemitismus. Alles Widrige brachte er auf eine einfache Formel: Der Jud ist schuld. »Wir weh­ren uns dagegen, daß die Christen unterdrückt werden und an die Stelle des alten christlichen Reiches Österreich ein neues Palästina tritt.«
Er griff dabei den alten, seit Jahrhunderten eingewurzelten ka­tholischen Antijudaismus gegen das »Gottesmördervolk« auf, den Antiliberalismus und Antikapitalismus, den Haß auf »Geld- und Börsejuden«, »Pressejuden«, die Intellektuellen als »Tintenjuden«, die Sozialdemokratie als »Judenschutztruppe«, die Ostjuden als »Betteljuden«, die angeblich »jüdische« moderne Kunst und Frauen­emanzipation. Allein sein Schimpfwort über die Ungarn — »Judäo­magyaren« — brachte ihm laut Kielmansegg »damals Tausende von Anhängern« ein.
Die Christlichsozialen sahen ihre politische Hauptaufgabe darin, die rasch gewachsene »Macht der Juden« wieder zu reduzieren und alles zu tun, um die Emanzipation von 1867 rückgängig zu machen und »zwischen allen arisch-christlichen Nationen eine Verständi­gung herbeizuführen, um im Reichsrate eine Majorität zustande zu bringen, damit Gesetze zur Aufhebung der Gleichberechtigung der Juden, zu Konfiskation der Judengüter und Austreibung der Juden zustande kommen«.
Lueger machte sich zum Sprachrohr seiner Wähler: »In Wien muß der arme Handwerker am Samstag nachmittag betteln gehen, um die Arbeit seiner Hände zu verwerten, betteln muß er beim jüdi­schen Möbelhändler. Der Einfluß auf die Massen ist bei uns in den Händen der Juden, der größte Theil der Presse ist in ihren Händen, der weitaus größte Theil des Capitals und speciell des Großkapitals ist in Judenhänden und die Juden üben hier einen Terrorismus aus, wie er ärger nicht gedacht werden kann. Es handelt sich uns darum in Österreich vor allem um die Befreiung des christlichen Volkes aus der Vorherrschaft des Judenthums. (Lebhaftes Bravo! Redner mit erhobener Stimme:) Wir wollen auf dem Boden unserer Väter freie Männer sein und das christliche Volk soll dort herrschen, wo unsere Väter geblutet haben. (Tosender Beifall.)« Und: »Für uns gilt es, un­serem christlichen Volke die Freiheit zu erobern und festzuhalten... Und wenn alle den Muth verlieren würden, der Doctor Lueger und seine Partei geht muthig vorwärts. (Tosender Beifall, Hoch Lueger!)«
Zimperlich war der Bürgermeister nicht: Als ein liberaler jüdi­scher Abgeordneter im Reichsrat gegen die antisemitische Volks­verhetzung protestierte, antwortete Lueger, der Antisemitismus werde »zugrunde gehen, aber erst dann, wenn der letzte Jude zu­grunde gegangen ist«. Als sein Antipode an Luegers Ausspruch bei einer Volksversammlung erinnerte, es sei ihm »gleichgültig, ob man die Juden henkt oder schießt«, machte Lueger ungerührt den kor­rigierenden Zwischenruf: »Köpft! habe ich gesagt«.
Saiten führte Luegers beispiellosen Erfolg auf die Orientierungs­losigkeit der »Kleinbürger« zurück, die noch unsicher im Umgang mit ihrer politischen Macht waren und weder bei den großbürger­lichen Liberalen noch den »proletarischen« Sozialdemokraten eine politische Heimat fanden: »Die breite Masse der Kleinbürger aber irrt führerlos blökend wie eine verwaiste Herde durch die Versamm­lungslokale. Und alle sind von der österreichischen Selbstkritik, von der Skepsis, von der österreichischen Selbstironie bis zur Verzagt­heit niedergedrückt. Da kommt dieser Mann und schlachtet — weil ihm sonst alle anderen Künste mißlingen — vor der aufheulenden Menge einen Juden. Auf der Rednertribüne schlachtet er ihn mit Worten, sticht ihn mit Worten tot, reißt ihn in Fetzen, schleudert ihm dem Volk als Opfer hin. Es ist seine erste monarchisch-klerikale Tat: Der allgemeinen Unzufriedenheit den Weg in die Judengasse weisen; dort mag sie sich austoben.«
Hier wurden eifrig Aggressionen im Dienste der Parteipolitik ge­schürt, von Luegers Parteifreunden noch mehr als von ihm selbst. So meinte Josef Gregorig bei einer Reichsratsdebatte über die ständige Verteuerung des Getreides, der hohe Brotpreis wie der teure Kunst­dünger seien auf den »Judenschwindel« zurückzuführen, und: »Ich würde es sehr gerne sehen, wenn die ganzen Juden in Kunstdünger vermahlen würden... (Heiterkeit bei den Parteigenossen), es würde mich das sehr freuen.« Und als weiteres Mittel zur Preisreduzierung schlug er scherzhaft vor: »Wenn Sie jetzt hingehen und hängen 3 000 Börsejuden heute noch auf, haben Sie morgen das Getreide billiger. Tun Sie das, es ist die einzige Lösung der Brotfrage. (Beifall seitens der Parteigenossen. — Heiterkeit.) «
Und Ernest Schneider tat den vielzitierten Ausspruch, »man möge ihm ein Schiff geben, auf dem sämtliche Juden zusammen gepfercht werden könnten; er wolle es aufs offene Meer hinaus-lenken, dort versenken und, wenn er nur gewiß sei, daß der letzte Jude ertrinke, selbst mituntergehen, um so der Welt den denkbar größten Dienst zu erweisen«.
Um 1900 wurden auch die noch aus dem Mittelalter stammenden Ritualmord-Verdächtigungen wiederbelebt, um den Antisemitis­mus zu rechtfertigen. Wann immer irgendwo ein Kind verschwand, vor allem in den ländlichen Gegenden Ungarns oder Galiziens, tauchten Gerüchte über einen jüdischen Ritualmord auf, und dies wiederum bot den willkommenen Vorwand für Terror gegen jüdi­sche Familien. Führend in der Verbreitung vieler Schauermärchen waren katholische Geistliche, die auch die nötige Literatur beisteuer­ten, so Pater August Rohling in seiner weit verbreiteten Broschüre DER TALMUDJUDE oder Pfarrer Joseph Deckert 1893 in EIN RITUAL­MORD. AKTENMÄSSIG NACHGEWIESEN.
Luegers Beitrag zu diesem wild umkämpften Thema im Reichsrat ist ein eindrucksvolles Beispiel für sein Taktieren zwischen den Fronten: »Es kommt vor, daß die Juden Blut entgegen ihrem Verbote gebraucht, beziehungsweise sich mit Blut befleckt haben. Was frü­her geschah, kann das nicht auch jetzt geschehen?« Bemerkenswert sei »der unglaubliche fanatische Haß, die unersättliche Rachsucht, mit welcher die Juden ihre angeblichen und wirklichen Feinde ver­folgen«. Dann zitierte er breit die Propheten Jesaia und Jeremia als Zeugnisse gegen die Juden, zum Beispiel: »Denn Eure Hände sind mit Blut befleckt, mit Unrecht Eure Finger; Eure Lippen reden Lü­gen und Eure Zunge spricht Frevel!« Und: »Sie brüten Basiliskeneier aus, sie weben Spinnengewebe. Wer von ihren Eiern ißt, der stirbt. Und wenn man eins zerdrückt, so kommt eine Schlange heraus.« Lueger: »Nun, ich bin der Meinung, daß nicht die Juden die Mär­tyrer der Deutschen, sondern die Deutschen die Märtyrer der Juden sind.« »Da sind Wölfe, Löwen, Panther, Leoparden, Tiger Menschen gegenüber diesen Raubtieren in Menschengestalt.«
Lueger zeigte sich überzeugt, daß bei einer neuerlichen Revolu­tion »nicht mehr arme Mönche erschossen werden, sondern, daß es anderen Personen unangenehm würde, wenn eine solche Revolution ausbricht«. Die katholische Kirche müsse »Schutz und Schirm gegen die jüdische Unterdrückung« sein, das christliche Volk »von den schmachvollen Fesseln der Judenknechtschaft« befreien.
In ihrer Wortwahl und den häufigen Tiervergleichen stellten auch prominente Priester, wie der Prälat und christlichsoziale Reichsrats-abgeordnete Josef Scheicher, »die Juden« abseits der menschlichen Gesellschaft. Er nannte sie einen »Schwarm Wanderheuschrecken« und gebrauchte die Floskel von den Juden, die »das arische Volk wie die Spinne eine im Netze gefangene Fliege umspinnen und aus­saugen«, und: »Das ewig Jüdische ist der Todfeind des Arischen, findet dort aber stets ebenso Platz und Raum wie der Holzwurm im Stamme, bis der Wurm ausgewachsen, dick und fett geworden sich einpuppt, um als neugebackener Baron eine höhere Stelle in der Gesellschaft einzunehmen! Immer treu besorgt, daß neuen, jun­gen Holzwürmern nie der Zugang zum Christenholze verwehrt werde.«
Da auch Pfarrer von den Kanzeln herab den Antisemitismus pre­digten und den »Abwehrkampf« gegen »die Juden« als richtig und notwendig darstellten, sahen Luegers Anhänger immer weniger Unrecht darin, diese »Gottlosen« zu schikanieren. Der als Jude ge­borene Schriftsteller Felix Braun, vier Jahre älter als H., erinnerte sich an eine bittere Kindheit, als »die politische Bewegung in Wien eine Steigerung der Erregung erreicht, die zu rohen Ausschreitun­gen bei Versammlungen und auch in den Straßen ausartete. Selbst Kinder hatten sich die Schlagworte der neuen Partei zu eigen ge­macht, und die Zugehörigkeit zu meiner Religion wurde mir auf den Spielplätzen der Gärten und sogar in der Schule mit Hohn vor­geworfen. Während der Wahlen wagten viele jüdische Kinder nicht auszugehen.« Auch der Gärtnerbursche in seinem Haus habe ihn als Juden beschimpft und ihn geschlagen.
Zusammen mit einer Katholisierungskampagne brachten die Christlichsozialen ihren Antisemitismus auch in »judenreiche« Kronländer, vor allem nach Galizien und in die Bukowina, und finanzierten zu diesem Zweck eine Reihe neuer »Volksblätter«. So schlug im Juli 1908 das BUKOWINAER VOLKSBLATT Strategien im Kampf gegen die Juden vor. Zunächst müsse der Christ den Feind ge­nau studieren: »Ist der Feind, der dich bedroht, ein Wolf, so greifst du zum Gewehr, ladest dir ein paar Freunde ein und bringst nun in frischer, fröhlicher Hatz so viele Schädlinge zur Strecke, als du eben erreichen kannst.« Über Bär, Fuchs und Schlange kam das Blatt zu kleineren Schädlingen: »Zimmerwanzen ist am besten mit heißem Wasser, Insektenpulver und diversen Tinkturen zu Leibe zu rücken; Läusen gegenüber hilft fleißiges Baden und in besonders hartnäcki­gen Fällen Merkurialsalbe.«
Aber: »Der Feind, der dem Christen gefährlicher wird als alles hier aufgezählte, ist der Jude, gefährlicher deswegen, weil wir ihm gegenüber noch nicht ganz gerüstet sind und weil der Kampf mit ihm zumeist ein Kampf mit unzulänglichen Mitteln ist, denn Wanzen­tinkturen gegen Wanzen und gezogene Läufe gegen Raubtiere sind längst in Anwendung, während wir erst eine Zacherlinspritze gegen die Juden erfinden müssen.« Zacherlin war das damals beliebteste Insektenvertilgungsmittel.
Auch hier wurden »die Juden« mit Heuschrecken und einer Feuersbrunst verglichen, und: »Daß auch dieser Vergleich viel zu schwach diese Blutegel charakterisiert, erhellt daraus, daß sowohl Heuschrecke als Feuersbrunst nur die Früchte deiner Arbeit, wäh­rend die Juden dir auch das Stückchen Erde, das dir geblieben, weg-eskamotieren, dir also nicht die kleinste Hoffnung auf eine bessere Zukunft lassend. Das sind die Intentionen dieser Blutegel, dahin gehen die Bestrebungen der schmachtlockigen Heuschrecken. Du wirst also einsehen, christliches Volk, daß Heuschrecke, Feuers­brunst, Pest keine größere Gefahr für dich sind, denn sie lassen dir die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wenn nicht dies, so doch die Hoffnung auf ein besseres Jenseits, während der Jude mit seinen Saugwarzen wie ein langsam tötendes Gift an deinem Gut, ja sogar an Leib und Seele nagt.«
In einer Interpellation an den Ministerpräsidenten legte Benno Straucher, der zionistische Abgeordnete aus der Bukowina, dieses Blatt im Juli 1908 im Reichsrat vor, protestierte gegen diese »ge­wissenlose Agitation« und wies darauf hin, »daß mit diesen Bruta­litäten unverhohlen der nackte Vernichtungskrieg gegen die Juden propagiert wird und daß durch die stillschweigende Tolerierung die­ser wüsten Hetze... der Eindruck hervorgerufen wird, als seien die Juden in diesem Staate geradezu vogelfrei«.

In Wien ist heute noch die Entschuldigung zu hören, Lueger habe sich zwar als Antisemit gebärdet, dies aber gar nicht ernst gemeint. Denn er habe sogar jüdische Freunde gehabt, und schließlich sei keinem Juden ernstlich »etwas passiert«.
Tatsächlich pflegte Lueger trotz seines öffentlich propagierten Antisemitismus durchaus Kontakte mit Juden und bemühte sich auch um eine gute Zusammenarbeit mit der Jüdischen Kultus­gemeinde. Mit dem vielzitierten Spruch: »Wer a Jud ist, bestimm i!« nahm er sich die Freiheit, Ausnahmen zu machen. Wer sich politisch für ihn einsetzte, war bei ihm wohlgelitten. Da er im Gegensatz zu den Schönerianern Judentum nicht durch die Rasse, sondern durch die Religion definierte, konnte er getaufte Juden zum Mißvergnügen so manches Parteifreunds in seinen engsten Kreis aufnehmen, wie etwa Dr. Albert Gessmann oder den hohen Beamten Rudolf Sieg-hart. Zudem war er in seinen letzten Lebensjahren milder als in den Aufstiegsjahren.
Im Privatgespräch mit Andersdenkenden milderte Lueger seinen Antisemitismus gerne mit dem Argument ab, er benutze ihn ja le­diglich als politisch wirksames Mittel. Dem liberalen Statthalter von Niederösterreich, Graf Kielmansegg, sagte er 1897, der Antisemitis­mus sei »für ihn nur ein die Massen köderndes Schlagwort, er selbst achte und schätze viele Juden und werde keinem derselben je ge­flissentlich Unrecht tun«. Und zum jüdischen Kaufmann Sigmund Mayer, der in der Kultus gemeinde eine große Rolle spielte und des­halb für Lueger politisch wichtig war, meinte der Bürgermeister leut­selig: »Ich mag die ungarischen Juden noch weniger als die Ungarn, aber ich bin kein Feind unserer Wiener Juden; sie sind gar nicht so schlimm und wir können sie gar nicht entbehren. Meine Wiener ha­ben fortwährend Lust, sich auszuruhen, die Juden sind die einzigen, die immer Lust haben, tätig zu sein.«
Solche Redensarten überzeugten jedoch die vielfach beleidigten Mitglieder der Kultusgemeinde kaum. Und Mayer fand es besonders verwerflich, daß Lueger gegen seine Überzeugung den Antisemitis­mus zum Mittel der Politik machte: »Dem Manne fehlte eben jenes primitivste, das den Menschen erst zum Charakter macht, die Ehr­lichkeit. Seine antisemitische Gesinnung war stets ganz und gar Heuchelei.« Mayer zu Lueger: »Nicht daß Sie Antisemit sind, werfe ich Ihnen vor, sondern daß Sie es nicht sind.«
Freilich — falls Lueger wider besseres Wissen den Antisemitismus nur als Mittel zum Zweck und als politisches Lock- und Propaganda­mittel benutzte, so wäre er weit verlogener gewesen als seine An­hänger. Denn sie waren wenigstens von der Richtigkeit dessen überzeugt, was sie sagten und taten. So war auch Arthur Schnitzler nicht bereit, all die Entschuldigungen für Lueger zu akzeptieren, im Gegenteil: »Mir galt gerade das immer als der stärkste Beweis seiner moralischen Fragwürdigkeit.«
Politisch ist es bedeutungslos, ob und wie viele jüdische Freunde Lueger privat gehabt haben mag. Von Bedeutung ist allein die Wirkung seiner aufhetzenden Reden — und diese war verheerend. Der Antisemitismus, den Lueger über Jahrzehnte als hypnotischer Redner in die ihn verehrenden Volksmassen brachte, die ordinären Entgleisungen seiner Parteigenossen und geistlichen Freunde, die er unwidersprochen ließ, vergifteten die Atmosphäre. Auch wenn kein Jude ermordet wurde, verrohten die Menschen, die von ihrem ver­ehrten Idol in alten Vorurteilen bestätigt wurden.
Ebendiese politische Zweckmäßigkeit des Antisemitismus be­tonte auch H. in einem seiner Monologe, voll Hochachtung vor dem durchschlagenden Erfolg: Lueger sei Christlichsozialer geworden, weil er den Weg zur Rettung des Staates im Antisemitismus gegeben sah und weil der Antisemitismus sich in Wien nur auf religiöser Basis auf­bauen konnte. So sei es ihm gelungen, bei 148 Gemeinderatssitzen 136 Antisemiten zu haben.
Andererseits kritisierte der Politiker H. Luegers katholischen Antisemitismus als zuwenig konsequent: Im schlimmsten Falle ret­tete ein Guß Taufwasser immer noch Geschäft und Judentum zugleich. Der Antisemitismus sei bei Lueger zum Versuch einer neuen Juden­bekehrung geworden. Und: Es fehlte die Überzeugung, daß es sich hier um eine Lebensfrage der gesamten Menschheit handle, von deren Lö­sung das Schicksal aller nichtjüdischen Völker abhänge. Diese Halb­heit und diesen Scheinantisemitismus verurteilte der Schönerer-Schüler H., denn so wurde man in Sicherheit eingelullt, glaubte den Gegner an den Ohren zu haben, wurde jedoch in Wirklichkeit an der Nase geführt.

Die Kirche als Wahlhelfer

Unter der Parole »katholisch, österreichisch und deutsch« ver­knüpfte Lueger seine politischen Interessen mit denen der Kirche. Das brachte ihm die Unterstützung zunächst des niederen Klerus und dann der Gesamtkirche ein. Von den Kanzeln herab wurde für Luegers Partei und gegen »Judenliberale« Stimmung gemacht und für den christlichen Sozialismus gekämpft. Lueger wieder­um rief zum stärkeren Kirchenbesuch auf und umgab sich bei seinen öffentlichen Auftritten mit Vorliebe mit Geistlichen und Nonnen.
Schon zu Neujahr 1889 erntete Lueger Begeisterung, als er 100 Jahre nach der Französischen Revolution rief: »Das Jahr 1889 wird eine Art Prüfstein sein für unsere Partei... wir dürfen nicht ruhen in der Wiederaufrichtung der christlichen Weltordnung. Im Jahre 1789 war die Revolution, im Jahre 1889 muß die Revision der Revolution eintreten, der katholische Priester muß wieder voran, er muß zeigen, daß er Führer des Volkes ist, daß das gesamte Volk hinter der katholischen Bewegung steht.«
Als höchst willkommene Gegenleistung für seine Dienste an der Kirche konnte Lueger voll auf die Organisation der Kirche zurück­greifen, mit all den Pfarr-Runden, den Müttervereinen, den Kir­chenchören, den Klöstern und Schulen. Seine geistlichen Freunde machten höchst wirksame politische Propaganda. Diese Taktik hielt auch H. in MEIN KAMPF für wichtig und hob hervor, daß Lueger ge­schickt gewesen sei, sich all der nun einmal schon vorhandenen Machtmittel zu bedienen, bestehende mächtige Einrichtungen sich ge­neigt zu machen, um aus solchen alten Kraftquellen für die eigene Be­wegung möglichst großen Nutzen ziehen zu können. Die Christlich-soziale Partei vermied jeden Kampf gegen eine religiöse Einrichtung und sicherte sich dadurch die Unterstützung einer so mächtigen Or­ganisation, wie sie die Kirche nun einmal darstellt. Sie besaß dem­zufolge auch nur einen einzigen wahrhaft großen Hauptgegner. Sie erkannte den Wert einer großzügigen Propaganda und war Virtuosin im Einwirken auf die seelischen Instinkte der breiten Masse ihrer Anhänger.
Sehr große politische Bedeutung für Lueger hatte der »Christ­liche Wiener Frauenbund«, genannt das »Luegersche Amazonen­korps« oder »Mein Harem«. Im begeisterten Dienst für ihr Idol lei­steten sie effiziente politische Arbeit und trugen wesentlich zu Lue­gers Erfolgen bei. Graf Kielmansegg über die Frauenvereine: »Ihr Zweck war ein hochpolitischer, nämlich, die Luegerpartei durch Agitation in den Familien und in der Öffentlichkeit zu fördern und zu unterstützen.«
Wohlgemerkt dachte Lueger aber nicht im entferntesten daran, sich etwa für mehr politische Rechte »seiner« Frauen einzusetzen, so etwa das Wahlrecht. Die mächtige Präsidentin des Frauenbun­des, Emilie Platter, wetterte sogar im Dienste ihres Herrn gegen die »moderne Frauenrechtlerei«.
Lueger verstand es perfekt, den Frauen zu schmeicheln und sie mit Einsatz seines nicht unbeträchtlichen Charmes bei Laune und bei der Arbeit zu halten. Am Beispiel des »schönen Karl« konnte der junge H. auch studieren, wie ein charismatischer Politiker es schaffte, die Kritikfähigkeit von Frauen einzuschläfern und sie zu willigen und euphorischen, opferbereiten Arbeitskräften zu ma­chen. Immerhin waren diese Frauen durch ihre oft schon langjährige Arbeit in den Pfarreien diensteifrigen Gehorsam gegenüber der Obrigkeit gewohnt.
Luegers erfolgreichster Helfer war der Jesuitenpater Heinrich Abel, der gegen die Juden, den Liberalismus, die Sozialdemo­kratie wetterte und vor allem gegen den verderblichen Einfluß der Freimaurerei, »eine vom Satan angestiftete Rotte«, die er für alle demokratischen und nationalen Bestrebungen und zahlreiche an­gebliche politische Morde verantwortlich machte. Mit Parolen wie »freimaurerische Weltverschwörung«, »Volksverführer«, »ge­heime Mächte« und eine angebliche »geheime Weltregierung« er­klärte er von der Kanzel herab alles Böse als »jüdisch-freimau­rerisch« und rief seine Männer zum kompromißlosen Kampf ge­gen diese »gottlosen Feinde« und für Kirche und christlichsoziale Partei auf.
Auch in seinem Privatleben machte Abel keinen Hehl aus sei­nem Antisemitismus. So brüstete er sich, einen Stock zu besitzen, mit dem einmal sein Vater einen Juden gezüchtigt habe — und verschenkte diesen Stock als Zeichen seiner Freundschaft an einen Gesinnungsgenossen.
Abel veranstaltete alljährlich Männerwallfahrten nach Mariazell und Klosterneuburg, an denen meistens auch Bürgermeister Lueger teilnahm. In den Festpredigten schimpfte Abel »auf den furchtbaren Terrorismus, den die Sozialdemokratie gegen die kleinen Leute aus­übt«, und den »Absolutismus der liberalen Bürokratie«, vor allem die »Judenpresse«. Auch sein Kollege, der Jesuitenpater Viktor Kolb, mischte sich 1906 von Mariazell aus in den Wahlkampf ein: »Die Wahlen in das Parlament sind nicht nur politische — es sind vor allem auch religiöse Akte; es sind Bekenntnisse für oder gegen Gott, für oder gegen den Glauben.«
Dieser kämpfende politische Katholizismus, der in Österreich schon durch die Habsburger eine jahrhundertelange Tradition hatte, riß die Gräben zwischen »Klerikalen« und »Judenliberalen« weiter auf. Die Kirche war um 1900 zumindest in Wien ein unkontrollier­barer politischer Machtfaktor mit der christlichsozialen Partei als verlängertem Arm.

Eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Liberalen spielten die libe­ralen Gesetze von 1867, die nicht nur die Emanzipation der Juden festgelegt hatten, sondern auch eine liberale Schulpolitik. In Be­rufung auf das »katholische Volk von Österreich« rief die Kirche wie die christlichsoziale Partei nach einer »Rekatholisierung« und mehr »christlichem Geist«. Das bedeutete die Ausgrenzung von Juden und »Judenknechten« aus allen öffentlichen Bereichen, vor allem ihren Ausschluß als Lehrer und Professoren. Der Katho­lische Schulverein war bei dieser Kampagne stets einsetzbereit, zu­mal er über einen höchst prominenten Präsidenten verfügte, den Thronfolger Franz Ferdinand. Gegen die anderen Schulvereine wurde in den Kirchen Stimmung gemacht. So wetterte Pater Abel gegen den Deutschen Schulverein als »Judenverein« und »Ab­leger der Freimaurerei«, weil dieser sich weigerte, Juden auszu­schließen.
Um der Kirche und dem »Deutschtum« in Wien neue Seelen zu sichern, wurden die Waisenhäuser straff katholisch und deutsch organisiert. Begabte Söhne von Christlichsozialen wurden in die berühmten Knabenhorte der Stadt Wien aufgenommen, die der Bür­germeister mit außerordentlich hohen finanziellen Mitteln in fast jedem Wiener Bezirk speiste. Diese Eliteanstalten unterzogen die Kinder einer strikt militärischen, katholischen und deutschen Er­ziehung und sollten die kommende katholische Führungsschicht heranbilden. Die Paraden der weißuniformierten Waisenknaben waren alljährliche Wiener Sehenswürdigkeiten — und bildeten auch den umjubelten Schlußpunkt des Jubiläumsfestzuges von 1908. Auf dem Trabrennplatz im Prater fand am 25. Mai 1908 vor Publikum ein Preisexerzieren statt, die »Kaiserjubiläums-Revue«: 2611 Kna­ben in 16 Bataillonen defilierten im Stechschritt vor dem Kaiser. Der junge H. muß solche Vorstellungen miterlebt haben. Jeden­falls zeigte er, wie wir von Reinhold Hanisch wissen, besonderes Interesse an dieser frühen militärischen, parteigebundenen Knaben­erziehung.
An den Universitäten machte sich die christlichsoziale Bewegung in einer dezidiert wissenschaftsfeindlichen Kampfbereitschaft Luft. Immerhin mußte schon 1888 der Rektor der Wiener Universität, der weltberühmte Geologe Professor Eduard Sueß, der Halbjude und prominenter liberaler Politiker zugleich war, wegen antisemitischer Kampagnen der »Vereinigten Christen« auf sein Amt verzichten. Das christliche VATERLAND hetzte: »Bisher hat man über die Ver­judung unserer Universität geklagt, von jetzt an wird man sich damit abfinden müssen, daß diese katholische Stiftung dem Antichrist dienstbar geworden ist.«
In H.s Wiener Zeit gab es 1908/09 an allen deutschsprachigen Universitäten Cisleithaniens Krawalle um den mißliebig geworde­nen Theologieprofessor Adolf Wahrmund. In Innsbruck brachten die Klerikalen sogar Bauern mit Mistgabeln an die Universität im christlichen Kampf gegen die verteufelte Wissenschaft.
Der Kampf gegen Juden und deren Freunde behinderte in Wien um 1900 viele Aktivitäten. Der sehr engagierte »Wiener Volks­bildungsverein« etwa, wo prominente Wissenschaftler unentgeltlich Vorträge hielten, wurde vielfältig schikaniert, weil er sich standhaft weigerte, auf »Juden, Judenstämmlinge und Judenknechte« als Vortragende zu verzichten, wie der Bürgermeister es wünschte. Zusagen für Vortragslokale wurden entzogen, Gelder gesperrt, die honorigen Mitglieder als »jüdisch-freimaurerische« Volksverführer angeprangert. Da spielte es auch keine Rolle, daß der prominente Historiker — und »arische« Katholik — Alfred von Arneth, Präsident der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, auch Präsident des Volksbildungsvereins war. »Professor« war unter Lueger ohnehin zum Schimpfwort geworden.
In katholischen Vereinen und Pfarren wurden antisemitische Schriften und Predigten von Pater Abel, Pfarrer Deckert, Pfarrer Stauracz verkauft. Darunter befand sich auch das Büchlein von Lue­gers Parteifreund Scheicher: Aus DEM JAHRE 1920. Hier schilderte der Prälat seinen »Traum«, wie die Länder der dann zerfallenen Do­naumonarchie im Jahre 1920 aussehen würden: Nach einem konse­quenten Austausch der Minderheiten seien die Länder der »Ost­staaten« nun national geordnet und selbständig. Die altösterreichi­schen Länder mit Wien hießen nun »Ostmark«, Kärnten und Krain »Südmark« und die Sudeten »Nordmark«, es gebe ein tschechisches Böhmen, ein polnisches Polen, ein ruthenisches Ruthenien und so weiter.
Lueger sei inzwischen, so Prälat Scheicher in seinem Zukunfts­traum, als »Staatsobrist der Ostmark« in Pension. Ihm zu Ehren sei die Leopoldstadt in Luegerstadt umbenannt. Denn Wien sei nun »judenfrei«, weil die Christen die »Plattfüßler«, »Krummnasen« und »Mauscheln« mit einem totalen Wirtschaftsboykott nach Budapest vertrieben hätten.
Das Judentum habe ja »schlimmer als die Pest in den Ländern von weiland Osterreich gehaust«, schreibt Scheicher. »Es hat jung und alt der ganz ordinären Unzucht künstlich zugetrieben, hat das Gefühl für Reinheit und Sitte systematisch untergraben. Syphilis und Scrophulose waren die Resultate« — und so fort. »Die Uni­versität, die Schulen, die Spitäler, die Plätze und Straßen, alles, alles von Christengeld errichtet! Trotzdem ließ man die Ankömmlinge aus dem Osten, die kaum halbcivilisierten Semiten aus Galizien und Ungarn an allen christlichen Gründungen neidlos theilhaben!« Nun also seien die Juden alle fort, und Wien sei gereinigt. »Eine sittliche Wiedergeburt war nothwendig!« Es bleibe nur noch die Frage der »Kryptojuden« übrig, also der getauften, der »geheimen« Juden, wobei sich der Prälat auf die Praktiken der Inquisition berief.
Der »Hexensabbath« des Parlamentarismus sei mit dem Auszug der Juden auch vorbei. Es herrsche brüderliche Liebe unter den Chri­sten. Die wenigen, die im Parlament gegen die Abschaffung der De­mokratie protestiert hätten, hätte Lueger von Irrenwächtern abholen und einsperren lassen. Nun funktioniere ein ständisch geordnetes Kammersystem. Die Volksabstimmungen liefen einfach mit der Ab­gabe schwarzer und weißer Kugeln als Ja und Nein zu bestimmten Fragen ab: »Es war ja eine Erlösung aus der unerträglich geworde­nen Herrschaft der Demagogie und Uncultur«, gemeint war das Parlament.
Alle Großbetriebe seien nun verstaatlicht. Millionäre gebe es nicht mehr. Alle fleißigen Menschen lebten in Frieden. Demonstra­tionen, wie sie einst die »Judensozi« in Wien veranstalteten, seien verboten. »Übelthäter« gebe es nicht mehr in der Ostmark: »Wir haben aufgeräumt. Wer sich gegen den Staat vergeht, wird unerbitt­lich gehängt... In Wien haben wir einmal dreihundert Juden und zwanzig Arier an einem Tage gehängt.« Und: »Im Staate Polen und im Staate Ruthenien haben wir tausende hängen lassen müssen, bis alle Sünder einsahen, daß es ernst sei.« Auch die Mädchenhändler würden gehängt.
Es dürfte nicht nur Prälat Scheicher gewesen sein, der eine gewalt­same Lösung des Problems der Vielvölkermonarchie herbeisehnte. Er war allerdings der einzige, der seine Phantasien aufschrieb. Das Träumen von einer »Priesterherrschaft« in einem angeblich sitten­reinen, totalitären Staat ohne Juden gehörte zum Wiener Zeitgeist vor 1914.
Einer jener Liberalen, die sich vehement gegen die Verknüpfung von Politik und Kirche aussprachen, war Tomas G. Masaryk. Er meinte im Reichsrat am 4. Juni 1908: »Die christlichsoziale Partei ist eine politische Partei, und das ist das Schlimme an ihr, daß sie immer im Namen Gottes und der Religion spricht. Diese ihre ganze Vorgangsweise muß aber die Kirche und die Religion kompromit­tieren. Diese Partei will einfach Österreich, da alle anderen Länder in ihrer Entwicklung schon weiter sind, zur Hochburg der aristo­kratisch-hierarchischen Theokratie machen.«

Das richtige Parteibuch

Zu Luegers Erfolgsrezepten gehörte die besondere und ausschließ­liche Fürsorge für seine Wähler, die er mit mannigfachen Wohltaten von sich und seiner Partei abhängig machte. Er ließ nicht den ge­ringsten Zweifel daran, daß er sich nur ihnen und keineswegs allen Wienern gegenüber zur Fürsorge verpflichtet fühlte. Immer wieder, so auch im Reichsrat 1905, betonte er stolz: »Verantwortlich bin ich nur meinen Wählern, verantwortlich nur jenen Gemeinderäten, die mir ihre Stimme gegeben haben.«
Immerhin gab es im Wien um 1900 viel zu verteilen, denn die Stadt war jahrzehntelang eine riesige Baustelle mit starkem Bedarf an Arbeitskräften und einem großen Auftragsvolumen für Hand­werker und Firmen aller Art. Die Gemeinde Wien zahlte bessere Gehälter als der Staat. Um aber an eine solche begehrte Gemeinde­stelle — oder eine Gemeindewohnung, ein Stipendium oder sonst et­was — zu kommen, mußte man möglichst der christlichsozialen Par­tei angehören, also das richtige »Parteibüchel« haben — eine Praxis, die auch fortan in Österreich eine unrühmliche Rolle spielen sollte. Jeder Gemeindebedienstete, vor allem jeder Lehrer, mußte außer­dem vor Amtsantritt schwören, weder Sozialdemokrat noch Schö­nerianer zu sein und dies auch nicht zu werden. Die allseits bevor­zugten Lueger-Anhänger aber konnten sich als Auserwählte fühlen und verehrten ihren allmächtigen und für die Seinen rührend sorgenden Herrn wie ihren Abgott.
In der Stadtverwaltung gab es viel Korruption und Geschäfte­macherei, die ohne Luegers Wissen kaum möglich waren. Aber selbst seine ärgsten Feinde gestanden dem Bürgermeister zu, daß er persönlich nicht korrupt war und sich nicht bereicherte. Die den Christlichsozialen nicht wohlgesinnte WIENER SONN- UND MON­TAGSZEITUNG bestätigte: »rings um ihn schwelgt alles in Gold und Orden, in Titeln und fetten Pfründen, er will nur der populäre Mann bleiben, der alles am Schnürchen hält, der Königsmacher, der die Majestäten seiner Gnade immer daran erinnert, daß sie seine Krea­turen sind.« Und auch H. betonte in MEIN KAMPF über Schönerer wie Lueger: Im Sumpfe einer allgemeinen politischen Korruption blieb ihr ganzes Leben rein und unantastbar.
Unerbittlich blieb Lueger in seinem Haß gegen die politische Opposition, zunächst die »Judenliberalen« und nach deren Ent­machtung gegen die »Judensozis«, die er mit Hilfe des alten Kurien­wahlrechts von einer Mitsprache fernhielt — und außerdem ständig verhöhnte.
Der Sozialdemokrat sei arbeitsscheu, meinte er: »ob er ein paar Tage sitzt oder nicht, das ist ihm ziemlich gleich. Innerhalb und außerhalb des Arrests arbeitet er nichts, er singt höchstens das Lied der Arbeit: ›Die Arbeit hoch!‹ nur mit dem Zusatze: ›Wenn sie ein Anderer macht!‹ (Stürmische Heiterkeit).« Selbst Forderungen nach einer Hilfe für Arbeits- und Obdachlose tat er höhnisch ab. Diese seien »Menschen, welche es verstehen, die Mildtätigkeit der Bevölkerung in allzu großer Weise auszubeuten, so daß sie imstande sind, ohne Arbeit ein gutes Leben zu führen.«
Nachdem der Gemeinderat den Bürgermeister bevollmächtigt hatte, im Jahr 1909 sämtliche finanziellen Entscheidungen allein zu treffen, höhnte Lueger, nun habe bei der Budgetdebatte laut Ge­schäftsordnung der sozialdemokratische Gemeinderat Jakob Reumann das Wort: »Ja der Reumann ist jetzt stolz, er darf reden bis zum 31. Dezember 1909. Für diese Zeit habe ich vom Gemeinderat die Vollmacht, daß ich auch ohne Budget die Geschäfte abwickeln kann, aber dann wird sein Haupt fallen. Er wird geköpft. Die ganze Welt lacht über die Komödie. Ich werde mir doch nicht die Ober­leitung abnehmen lassen. Ich bleibe der Herr und werde immer stärker, je bockbeiniger die sind.«
Wegen der Feindschaft zwischen Christlichsozialen und Sozial­demokraten standen einander in Wien zwei durchaus ähnliche soziale Schichten mit ähnlichen politischen Zielen — etwa dem Anti­kapitalismus — als Feinde gegenüber: Handwerker, Bauern und Kleingewerbetreibende machten Front gegen die Industriearbeiter —und umgekehrt. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Gruppen, vor allem wenn die Handwerker unter Luegers Schutz zu hohe Preise verlangten und die Arbeiter dagegen protestierten.
Die Wiener Fleischhauer zum Beispiel wurden immer schon von Lueger unterstützt, und er war stolz auf das ihm überreichte Diplom eines »Ehrenfleischhauers«. Ihre parteipolitisch bedingten Privi­legien brachten den Wienern jahrelang überhöhte Fleischpreise ein. Ähnliches gelang den Lohnfuhrwerkern.
Der Statthalter von Niederösterreich, Graf Kielmansegg, ver­suchte im Interesse des Fremdenverkehrs hier Mißbräuche abzu­schaffen, stieß aber auf taube Ohren. Der politische Filz verhinderte Reformen, »weshalb Wien binnen weniger Jahre zu dem Ruf ge­langte, eine der teuersten Städte Europas zu sein, und Fremde es da­her geflissentlich zu meiden begannen«. Besonders verhängnisvoll wirkte sich Luegers politische Bindung an die Hausherrenvereine aus.
Um den hohen Brotpreisen entgegenzuwirken und sich gegen das Preisdiktat der Wiener Bäcker zu wehren, griffen die Sozial­demokraten zur Selbsthilfe und gründeten die Brotfabrik »Ham­mer«, laut Werbespruch »Ein Werk der Wiener Arbeiter« und die »Modernste Brotfabrik der Monarchie«. Die Fabrik vertrieb ihre Waren mit Hilfe von sozialdemokratischen Parteiorganisa­tionen und Selbsthilfegruppen in auffälligen roten Lieferwagen und ließ keinen Zweifel daran, daß sie Konfrontationen nicht auswich.
Die Christlichsozialen liefen im Interesse der Bäcker gegen die »roten« Brotfabriken Sturm. Bei fast jeder Wahlversammlung kam das Thema aufs Tapet, so auch bei einer christlichsozialen Wähler­versammlung in einer Turnhalle der Brigittenau 1911. Die BRIGIT­TENAUER BEZIRKS-NACHRICHTEN wetterten, die »jüdisch-großkapita­listische Unternehmung« der Hammer-Brotwerke wolle die Ver­nichtung des Bäckergewerbes und die »Herrschaft des jüdischen Großspekulantentums und der jüdischen Soziführer«
Daß das heiß umkämpfte Thema der Hammer-Brotwerke auch ein Thema im Männerheim war, deutet Hanisch an. Der junge H. je­denfalls habe, so Hanisch, das Brot aus den beiden Fabriken Anker und Hammer als sehr wohlschmeckend gepriesen — was angesichts der ständigen Schimpfereien H.s auf die Sozialdemokraten als etwas Besonderes vermerkt wurde.

Die Germanisierung Wiens

Alle nationalen Probleme der Donaumonarchie konzentrierten sich in Wien, das alle habsburgischen Völker zu Recht als »ihre« Haupt-und Residenzstadt betrachteten. Demnach hätte Wien eine multi­nationale Stadt sein müssen — und war es eigentlich auch, wenn man die Einwandererzahlen zu Rate zieht. Denn mehr als die Hälfte aller Wiener Einwohner war nicht in Wien geboren. Besonders kraß war das Verhältnis zwischen Einheimischen und Einwanderern in der Brigittenau, wo H. wohnte: Dort waren 1908 von 71 500 Ein­wohnern nur 17200 in Wien heimatberechtigt. H. 1941: Was Wien schwierig macht, ist die Verschiedenartigkeit des Blutes in seinen Mauern. Die Nachkommen aller der Rassen, welche das alte Öster­reich umfaßte, leben dort, und so hört jeder auf einer anderen Antenne, und jeder hat einen anderen Sender!
Durch diese gewaltige Völkerwanderung änderten sich in kurzer Zeit die nationalen Größenverhältnisse: In den reichen deutsch­sprachigen Ländern ging der Anteil der deutschen Bevölkerung ste­tig zurück, vor allem in Wien. Das Gespenst der Überfremdung ging um. Die Einheimischen fühlten sich durch die Massen armer fremd­sprachiger Einwanderer bedroht, im »eigenen« Land entmachtet und vom Staat nicht hinreichend geschützt — und dies um so stärker, je höher Arbeitslosigkeit und Teuerung stiegen. So wurden sie empfänglich für radikale nationale Parolen.
Durch all diese Verschiebungen änderte sich auch der »Zeitgeist« innerhalb einer Generation: Waren die Väter noch liberal und kos­mopolitisch, stolz auf die Vielfalt der Monarchie, so waren die Söhne national. H.s um drei Jahre älterer Zeitgenosse Oskar Kokoschka schildert in seinen Erinnerungen diesen Bruch: »Familien von fast vierzig verschiedenen Völkern hatten sich untereinander gekannt, sich verheiratet. Handel miteinander treiben können. Man durfte glauben, daß diese alte Habsburg-Monarchie in fast tausendjähriger Herrschaft die Kunst gelernt hatte, so viele Völker in Frieden mit­einander leben zu lehren« als »ein Vorbild gesellschaftlicher Ge­sittung«. Aber: »Dieses Reich schien nun plötzlich so klein gewor­den zu sein, daß einer dem anderen auf die Zehen zu treten drohte.« Und: »Die geistige Elite verschiedener Nationen hat damals damit begonnen, Fenster einzuschlagen; die international gesinnten Arbeiter richteten mit Pflastersteinen Barrikaden auf. Nationale Politi­ker verlangten die Bodenschätze ihrer Länder allein zur Ausbeu­tung, auf Kosten der Allgemeinheit. Das Gleichnis des römischen Staatsmanns, daß die vom Leib abgetrennten Glieder nicht eines selbständigen Lebens fähig sind, war vergessen.«
Bürgermeister Lueger nahm das drängendste Problem der Hauptstadt, die nicht zu hindernde Einwanderung, von Anfang an energisch in Angriff. Gegen die Bemühungen der nichtdeutschen Nationalitäten der Monarchie, in Wien wenigstens die Fiktion einer übernationalen Hauptstadt aufrechtzuerhalten, setzte er energisch den deutschen Charakter Wiens durch gemäß seinem ständig wie­derholten Motto: »Wien ist deutsch und muß deutsch bleiben!«
Damit folgte er dem Beispiel der zweiten Reichshauptstadt Buda­pest, die rein ungarisch war und die anderen Nationalitäten rigoros magyarisierte. Er folgte aber auch den Hauptstädten der cisleitha­nischen Kronländer, die sich ebenfalls auf ihre nationalen Wurzeln besannen und energisch nationalisierten: Prag wurde in diesen Jahr­zehnten zu einer tschechischen Stadt, Lemberg zu einer polnischen, Triest zu einer italienischen, Laibach zu einer slowenischen und so weiter. Und überall gab es Nationalitätenkämpfe zwischen den jeweiligen Mehrheiten und den Minderheiten.
Lueger setzte die Germanisierung Wiens an jenem Punkt an, über den die Nationalität im Vielvölkerstaat definiert wurde: in der Um­gangssprache, und forderte von jedem Einwanderer energisch, sich der deutschen Sprache zu bedienen.
Dann kümmerte er sich um die Formulierung des Wiener Ein­bürgerungsgesetzes von 1890: Dort hieß es, daß derjenige ein Wiener Bürger werden könne, der geschäftsfähig und unbescholten war, einen zehnjährigen festen Wohnsitz in Wien und eine ebenso lange Steuerleistung nachweisen konnte, wirtschaftlich selbständig war und dem Bürgermeister eidlich gelobte, »daß er alle Bürgerpflichten nach Vorschrift des Gemeindestatutes gewissenhaft erfüllen und das Beste der Gemeinde möglichst fördern wolle«. Nun fügte Lueger zu­sätzlich den nötigen Eid des Bewerbers ein, »den deutschen Cha­rakter der Stadt nach Kräften aufrecht« zu erhalten. Außerdem verband er die Zeremonie des Bürgereides im Rathaus stets mit einer feierlichen Bekräftigung seines Grundsatzes, daß Wien eine deut­sche Stadt sei.
Der Eid bedeutete einen strikten Assimilierungs- und Germani­sierungszwang für die Einwanderer und war darüber hinaus ein poli­tisches Instrument, um in Wien gegen nichtdeutsche Vereine und Schulen vorzugehen. Denn die Neubürger, die geschworen hatten, deutsch zu sein, riskierten nun eine Anklage wegen Meineids, wenn sie sich beim Tschechisch- oder Polnischsprechen erwischen ließen oder in einem nichtdeutschen nationalen Verein aktiv waren. Das war zwar nach den Staatsgesetzen legal, widersprach aber dem Bürgereid. Dem Spitzelwesen war damit Tür und Tor geöffnet.
An Deutlichkeit vor allem gegenüber den Tschechen ließ es der Bürgermeister wahrlich nicht fehlen, so, wenn er im Herbst 1909 in einer Bürgerversammlung ausrief: »wessen Brot du ißt, dessen Lied du singst, dessen Sprache du sprichst. Ich weiß, daß es Tschechen gibt, welche unter keiner Bedingung sich beugen wollen; die sich nicht beugen, die müssen halt gebrochen werden... Hier in Wien und Niederösterreich gilt und herrscht die deutsche Sprache.«
Allerdings — und hier zeigte sich Luegers politische Vernunft: wenn sich die Einwanderer assimilierten und rechtschaffene »deut­sche« Bürger waren, bot ihnen der Bürgermeister Schutz und Hilfe unter dem berühmten Motto: »Laßt mir meine Böhm in Ruh«. Sehr geschickt setzte er eingewienerte Tschechen in hohe Positionen und schuf sich eine eingeschworene persönliche Garde, die ihm be­dingungslos folgte. Viele ursprünglich tschechische Kleingewerbe­treibende und Handwerker wurden glühende Lueger-Verehrer —zum Ärger der nationalen Tschechen in Prag, die meinten, es sei ein »traurigstes Zeichen..., daß gerade der Mittelstand der dortigen Wiener Tschechen die beste Dienerschaft für den Klerikalismus Luegers darstellt«.
Diese straffe Germanisierung Wiens unter Lueger war es wohl nicht zuletzt, die seinen Ruhm begründete und auch im jungen H. unverhohlene Bewunderung für den gewaltigsten deutschen Bür­germeister aller Zeiten erregte.
Als 1908 die Frage akut wurde, ob in Wien eine italienische Rechtsfakultät eingerichtet werden sollte — und vielleicht auch eine slowenische Universität —, stand auch die Grundsatzfrage zur Dis­kussion, ob Wien nun eine multinationale Stadt sei oder nicht. Die resignierte Antwort gab der aus Galizien stammende Finanzmini­ster Leon von Bilinski gegenüber dem deutschen Botschafter: »es seiein Unding, eine italienische und in der Folge womöglich noch eine slowenische Universität künstlich hierher verpflanzen zu wollen.« Denn: »Wien sei im nationalen Sinne nicht mehr die Hauptstadt Österreichs; es sei eine deutsche Stadt, daran ließe sich nichts mehr ändern.«

Luegers Tod

Im Frühjahr 1910 bewegte das lange Sterben des Bürgermeisters die Gemüter. Ganz Wien hatte nur ein Thema: Vorzüge und Fehler des »Herrgotts von Wien«. Auch im Leseraum des Männerheims Melde­mannstraße wurde in diesen Tagen heftig diskutiert, wie Hanisch berichtet. Die Sozialdemokraten erhofften sich nun, da die Christ­lichsozialen führerlos waren, Erfolge in Wien und sparten nicht mit Kritik. Das wiederum empörte die Lueger-Anhänger, unter ihnen laut Hanisch auch den knapp 21-jährigen H. Er erzählte seinen Kol­legen ausführlich über Luegers Werdegang, mit dem er sich offenbar gründlich beschäftigt hatte. Material zum Studium gab es in Hülle und Fülle. Denn die Zeitungen waren voll mit Lueger-Geschichten, und seit 1907 lag auch die erste Lueger-Biographie von Franz Stau­racz vor, die in hoher Auflage gedruckt wurde und in allen Wiener Bibliotheken und Schulen, sicher auch in der des Männerheims, auflag.
Lueger starb am 10. März 1910. Sein Begräbnis ging als »schönste Leich« in die Geschichte der vielen spektakulären Wiener Leichen­feiern ein. Der deutsche Botschafter berichtete nach Berlin: »Kein Souverän kann mit größeren Ehren zu Grabe getragen werden.«
Der Trauerzug ging vom Rathaus über den Ring zum Stephans­dom, wo die Einsegnung unter Beisein des Kaisers, vieler Erz­herzöge, Minister und sonstiger hoher Würdenträger stattfand. Dann ging der Zug weiter durch die Rotenturmstraße über den Kai. Am Aspernplatz standen mehr als 1000 Wagen bereit, um die Trauernden den weiten Weg hinaus zum Zentralfriedhof zu fah­ren. Auf dem Friedhof war die Öffentlichkeit ausgeschlossen, alle Straßenbahnen, die dorthin führten, waren eingestellt. Lueger wurde zunächst im Grab seiner Eltern beigesetzt, da die Krypta der neu erbauten »Dr. Karl Lueger Gedächtniskirche« noch nicht fertig war.
Die meisten Geschäfte waren geschlossen, die Häuser hatten Trauerfahnen ausgesteckt. Wie immer bei solchen Großereignissen waren Würstelbuden aufgebaut. Ein Spalier von rund 40000 Uni­formierten säumte den Zug: die Wiener Garnison, Veteranen, die uniformierten städtischen Verbände, Schützenvereine, die Orts­gruppen des Christlichen Frauenbundes mit ihren bunten Fahnen. Kurzum: Wien feierte ein großes Fest. Als der gewaltige Leichenzug den toten Bürgermeister vom Rathaus hinweg der Ringstraße zu fuhr, befand auch ich mich unter den vielen Hunderttausenden, die dem Trauerzug zusahen.
Anzunehmen, daß der junge H. auch manche der vielen Nachrufe in den Zeitungen las, wobei ihn jener von Luegers größtem politi­schen Feind am meisten interessiert haben dürfte: von Friedrich Austerlitz in der ARBEITERZEITUNG. Austerlitz brachte eine brillante Analyse von Luegers politischem Erfolgsweg, die sich wie ein Leit­faden für einen ehrgeizigen Politiker liest. Luegers Leben seien »zähe Kraft und ein leidenschaftlicher Wille« gewesen, »Kraft, die erreicht, was der Wille als Ziel setzt«. »Er ist in keine Partei eingetreten, er hat sich seine selbst geschaffen; er ist nicht emporgekommen nach dem Gesetz der Anciennität, sondern der Führer war da, bevor die Partei vorhanden war. Ohne andere Hilfsmittel als die seiner kecken Rede hat er Stadt und Land an sich gerissen und ihre Vertretung geformt nach seinem Bilde. Wie ward das möglich? Lueger ist eben der erste bürgerliche Politiker, der mit Massen rechnete, Massen bewegte, der die Wurzeln seiner Macht tief ins Erdreich senkte.« Lueger habe er­kannt, »daß in unserer Zeit politische Wirkungen nur aus großen Kräften hervorgehen können und daß der Kern der politischen Arbeit Organisation heißt«.
Lueger habe aber, so Austerlitz, nicht nur Kräfte geweckt, »son­dern auch Ideen verwüstet« und »die fruchtbaren Gedanken der De­mokratie durch skrupellose Demagogie ersetzt... Die Roheit des Tones, die vor den giftigsten Verleumdungen des Gegners nicht zurückschreckt; ein gehässiger Terrorismus, der aus der politischen Gegnerschaft einen Krieg bis zur völligen Vernichtung machen möchte«, sei von ihm »zur Virtuosität ausgebildet« worden. Hierher stamme auch »der schamlose Mißbrauch behördlicher Macht zu Par­teizwecken«. Und: »Auch die Kunst des blinden Versprechens, die Kunst, Gegensätzliches scheinbar zu einen, heute sich agrarisch, morgen sich industriell zu gebärden, für die Unternehmer zu wirken und den Arbeitern zu schmeicheln, regierungsfromm zu sein und oppositionell zu scheinen, auch sie ist Luegers Erfindung.«
Luegers Tod löste einen Niedergang der Christlichsozialen aus. Die führerlose Partei, verstrickt in innere Kämpfe, Rivalitäten und offenbar gewordene Korruptionsfälle riesigen Ausmaßes, rutschte 1911 von 95 auf 76 Parlamentssitze ab. Um so üppiger blühte der Lueger-Kult.
Daß mit Luegers Tod auch die große Zeit seiner Partei vorüber sei, wurde offenbar auch im Männerheim erörtert. Hanisch überliefert, H. habe im Zusammenhang mit Luegers Tod gemeint, es sei eine neue Partei nötig: Diese müsse einen gut klingenden Namen haben und die besten Parolen der anderen Parteien übernehmen, um mög­lichst viele Anhänger zu gewinnen. Laut Hanisch habe dem jungen H. keine der damals bestehenden Parteien völlig zugesagt.
H. blieb der Außenseiter, der »studierende« Beobachter: Da ich meine Überzeugung in keiner anderen Partei verwirklicht sah, konnte ich mich... auch nicht mehr entschließen, in eine der bestehenden Orga­nisationen einzutreten oder gar mitzukämpfen. Ich hielt schon damals sämtliche der politischen Bewegungen für verfehlt und für unfähig, eine nationale Wiedergeburt des deutschen Volkes in größerem und nicht äußerlichem Umfange durchzuführen.
Doch dienten ihm die beiden Wiener Politiker Schönerer und Lueger in ihren Vorzügen wie Mängeln als politische Lehrbilder, de­nen H. viele Seiten seines Buches widmete: Es ist unendlich lehrreich für unsere heutige Zeit, die Ursachen des Versagens beider Parteien zu studieren. Es ist dies besonders für meine Freunde zweckmäßig, da in vielen Punkten die Verhältnisse heute ähnlich sind wie damals und Fehler dadurch vermieden werden können. Und: Dieser ganze Vor­gang des Werdens und Vergehens der alldeutschen Bewegung einerseits und des unerhörten Aufstiegs der christlich-sozialen Partei andererseits sollte als klassisches Studienobjekt für mich von tiefster Bedeutung wer­den. Und: Schönerer war der Konsequentere, er war entschlossen, den Staat zu zerschlagen. Lueger glaubte, den österreichischen Staat dem Deutschtum an sich erhalten zu können. Beide waren absolut deutsche Menschen.
Daß sich H. in Wien, wie er in MEIN KAMPF schreibt, von den Alldeutschen zu den Christlichsozialen wendet, bedeutet aber — trotz der Todfeindschaft dieser beiden Parteien — keineswegs eine politische Richtungsänderung. Denn deutschnational, antiliberal, antisemitisch und antisozialdemokratisch waren die Alldeutschen ebenso wie die Christlichsozialen. Die aggressive Sprache ihrer Zeitungen ist ganz gleich.
Bei all seiner Lueger-Verehrung wurde H. keineswegs dessen »Jünger«, sondern wählte sich auch hier nur jene Teile der Lueger­schen Politik aus, die seiner »Weltanschauung« entsprachen. So hörte mit Sicherheit beim Katholizismus H.s Sympathie auf. Er war schon in der Schulzeit nicht religiös, und kein Augenzeuge erwähnt irgendeinen Kirchenbesuch. August Kubizek: »Solange ich Adolf Hitler kannte, erinnere ich mich nicht, daß er einen Gottesdienst be­sucht hätte.« H. sei trotz der großen Verehrung für Lueger nicht in die christlichsoziale Partei eingetreten, weil »ihn die Bindungen an den Klerus [störten], der in die Politik dauernd eingriff«.
Auch H.s häufige Schimpfereien auf »die Jesuiten« sind kaum mit dem Geist der Christlichsozialen zu vereinbaren. Freundlich wirkt auch die Bemerkung im ZWEITEN BUCH nicht: noch um die Jahr­hundertwende schloß in Wien kaum ein Parteitag der klerikalen und christlichsozialen Bewegung anders als mit der Aufforderung, dem Heiligen Vater Rom wieder zurückzugeben.
Hanisch hält es immerhin für erwähnenswert, daß der junge H. einmal zu den »Klerikalen« gehalten habe: als es nämlich gegen die Sozialdemokraten ging. Die ARBEITERZEITUNG habe damals über die Fronleichnamsprozession gespottet, und der junge H. habe aus diesem Anlaß »die Religion verteidigt«.
H. kritisierte an Lueger vor allem, daß dieser dem Rassenprinzip nichts abgewinnen konnte, sowohl was Juden wie Slawen betraf, und nannte hier Schönerer konsequenter. Lueger, dem Volkstribun und »deutschen Mann«, aber galt seine Bewunderung ebenso wie des­sen taktischem Geschick, dem »Volk« nicht viele Feindbilder vorzu­legen, wie Schönerer dies tat, sondern sich auf ein einziges zu be­schränken, nämlich die Juden: Überhaupt besteht die Kunst aller wahrhaft großen Volksführer zu allen Zeiten in erster Linie mit darin, die Aufmerksamkeit eines Volkes nicht zu zersplittern, sondern immer auf einen einzigen Gegner zu konzentrieren.
Der Lueger-Kult lebte nach dem »Anschluß« erneut auf. Die NSDAP richtete für Luegers Schwester Hildegard ein feierliches Begräbnis in einem Ehrengrab aus. Der Film WIEN 1910, mit einem großen Staraufgebot produziert und 1943 uraufgeführt, war eine Huldigung für Lueger. Daß Schönerer in krasser Schwarzweiß­manier als Luegers negatives Gegenbild diente, erzürnte die »letzten Schönerianer«. Auf Steins Proteste hin schrieb Joseph Goebbels in sein Tagebuch: »Es gibt in Wien eine radikale politische Clique, die diesen Film zu Fall bringen will. Ich werde das nicht zulassen.« Aber: »Zweifellos ist Lueger hier etwas heroisiert worden.« All diese Vorgänge seien aber, »abgesehen von einem kleinen Kreis von Interessierten«, ja ohnehin »gänzlich unbekannt«.

Aus Brigitte Hamann: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators
© 1998 Piper Verlag GmbH, München
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.