Doris Wallnöfer

Der Diskurs des Krieges

Kann politische Macht als Krieg analysiert werden? Und wer hat Clausewitz verdreht?

Für all jene SudentInnen, die während des Semesters 1975-76 aufgrund der frühen Vorlesung um halb zehn Uhr morgens — Foucault entschuldigt sich dafür in seiner ersten Stunde höflichst — „nicht aus den Federn gekommen sind“, wie ihm ein Kollege zu verstehen gab, liegt seit 1996 in französischer Sprache und seit kurzem auch in deutscher Übersetzung die Sammlung seiner Lehrveranstaltungen vor.

Nicht als Lehrveranstaltungen im eigentlichen Sinne, sondern als „öffentliche Erklärung, von der Arbeit, die man gerade tut“ und als eine Art „Rechenschaftsbericht“ verstand Michel Foucault seine Vorlesungen am Collège de France, von denen zwei bereits 1986 vom Merve Verlag in deutscher Sprache veröffentlicht worden sind. So zieht Foucault gleich in den ersten Stunden Bilanz seiner bisherigen Arbeiten, skizziert Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse, die Spuren hinterlassen, jedoch nicht „in eine von vornherein festgelegte Richtung führen“, ohne dabei die offen gebliebenen Fragen und Schwierigkeiten seiner Untersuchungen auszuklammern. Wenn Foucault dann sogleich auf die seit den sechziger Jahren einsetzenden gesellschaftspolitischen Veränderungen zu sprechen kommt, auf die Möglichkeiten und Orte der Kritik, wie etwa Antipsychiatrie oder Frauenbewegung, so verweist dies nicht nur auf einen direkten Gegenwartsbezug seiner Arbeiten, sondern auch auf eine seiner zentralen Fragen, die nach dem Verhältnis von Wissen und Macht, welche auch Dreh- und Angelpunkt der jetzt in Buchform vorliegenden Vorlesungen aus dem Jahre 1976 markieren.

Foucault geht es in seiner Verteidigung der Gesellschaft vor allem um die Bedeutung eines bestimmten historischen Wissens von Kämpfen. Er zeichnet „genealogische Forschungen“ nach, „die genaue Wiederentdeckung der Kämpfe ebenso wie eine verschwommene Erinnerung an Schlachten“. Diese wiederum bringt er in Verbindung mit (möglichen) Aufständen des Wissens, die sich gegen hegemoniale Strukturen und Diskurse wenden. Der Krieg, und das nicht nur in seinem materiellen Gewand, wird somit zum bestimmenden Thema. Foucault stellt sich die Frage, ob politische Macht als Krieg analysiert werden kann, zumal seine vorangegangenen Studien ihn vom Modell der Macht als Repression wenig oder vom Gegenteil überzeugten. „Wenn der zeitgenössische Diskurs diese Definition der Macht als das, was unterdrückt, wiederkäut, heißt das nur, daß er nichts Neues sagt. Hegel hatte es als erster gesagt, dann Freud und dann Reich.“ Um nun das Verhältnis von politischer Macht und Krieg zu analysieren, wählt Foucault den klassischen Ausgangspunkt Clausewitz, um diesen freilich auf gar nicht klassische Weise in seine Überlegungen einzubeziehen. Die zunächst konfus wirkende Frage nach der vielzitierten Kriegsdefinition von Clausewitz, bei der es weniger darum ginge zu erfahren, „wer den Grundsatz von Clausewitz umgedreht hat, als vielmehr darum, welchen Grundsatz Clausewitz umgedreht hat, oder besser wer den Grundsatz formuliert hat, den Clausewitz umgedreht hat“, verdeutlicht, worauf Foucault hinauswill: er sucht nach den Voraussetzungen als auch Wirkungen eines bestimmten Wissens und nach denen der Wahrnehmung von Geschichte, welche ihrerseits wieder bestimmend für spezifische Machtkonstellationen, Wahrheitseinschreibungen und Subjektkonstruktionen sind. Dazu bietet Schlachtenforscher Foucault unter anderem eine äußerst spannende, mit feiner Ironie gepaarte Analyse des Modells Leviathan („Als das Kapitol des Staates bedroht war, hat eine Gans die schlafenden Philosophen geweckt. Ihr Name ist Hobbes.“), über den philosophisch-rechtlichen Diskurs von Staat und Souveränität, der sich laut Foucault darum bemühte, den aktiven Diskurs und das Wissen in den politischen Kämpfen des 17. Jahrhunderts zu blockieren. Ausführlich beschäftigt sich Foucault auch mit den Schriften Boulainvilliers, der bereits im 17. Jahrhundert eine Zweirassentheorie entwickelte. Bei Boulainvilliers findet Foucault ein für diese Zeit neues Denkraster, welches für eine gewisse Machtverteilung von Wahrheit und Irrtum und für den historischen Diskurs des Westens insgesamt ausschlaggebend wurde, da er die Kräfteverhältnisse als eine Art fortgesetzten Krieg innerhalb der Gesellschaft als Analysetyp (wieder)einführte. Erst diese Entwicklung ermöglichte, daß Kräfteverhältnisse von nun an von jemand anderem als dem Souverän bestimmt werden — an seine Stelle treten „die Nation“ und „das Bürgertum.“ Wenn ein Jahrhundert später jemand wie Clausewitz behaupten kann, daß der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, so nur deshalb, weil am Ende des 17. Jahrhunderts die Politik als Fortsetzung des Krieges verstanden und analysiert wurde. Der entscheidende Bruch, den Foucault also herausarbeitet, vollzieht sich während der Entstehung der Nationalstaaten, indem das Element des Krieges aus dem Diskurs der Geschichte zurückgenommen, begrenzt und zivilisiert wird. Der Diskurs des Krieges als Grundlage der Geschichte verschwindet zunehmend in den Anstrengungen und Kämpfen die auf den Staat, auf „die Totalität des Staates“ gerichtet werden. Die neuen Schlachtfelder sind Ökonomie, Reproduktion und Verwaltung — zivile Orte also, die blutige Kämpfe zu Ausnahmeerscheinung machen — somit müßten die neuen Formen des Kampfes nicht in Begriffen des Krieges, sondern der Herrschaft, nicht in militärischen, sondern in zivilen Begriffen analysiert werden. Doch wie kann man einen Kampf in streng zivilen Begriffen verstehen? Und muß der Begriff des Krieges, wenn nicht aufgegeben, so doch beträchtlich modifiziert werden, wie Foucault am Beginn seiner Vorlesungen meint? Foucault gibt keine eindeutigen Antworten darauf — es bleibt den LeserInnen überlassen, die Fährte aufzunehmen, welche sich im Angesicht des Kosovo- als auch Tschetschenienkrieges und den sich darum formierenden Diskursen mehr als anbieten dürfte. Mit In Verteidigung der Gesellschaft liegt eine weitere außergewöhnliche historische und politische Analyse vor, wie man sie von Foucault kennt. Seine Vorlesungen reichen weit über traditionelle Ideengeschichte hinaus und eröffnen somit nicht nur eine neue Perspektive auf die Geschichte politischer Philosophie, sondern laden aufgrund Foucaults charmant-eleganter Erzählweise buchstäblich zum Lesen ein.

Michel Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-76). Aus dem Französischen von Michaela Ott. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1999, 313 Seiten, 48,— DM